19.11.2020

Leserdiskussion

Gemeinde: Pro und Contra

Kirche – das ist für viele zuerst die Ortsgemeinde. Der Pirnaer Gemeindereferent Benno Kirtzel hat sich in seinem Beitrag „Das Ende des Erbens“ Gedanken gemacht, ob sich diese Strukturen gerade verändern. Hier einige Reaktionen auf seine Überlegungen:

Vielen Dank an Benno Kirtzel für die gute Analyse, die meine Beobachtungen bestätigt. Dabei scheint mir die Clanstruktur stärker in den ländlichen als den großstädtischen Gemeinden verbreitet. Die Frage, was man tun kann, ist schwer zu beantworten. Wer in milieuverengten Gemeinden mit Clanstruktur lebt, fühlt sich dort wohl. Er/sie ist in einem Kreis von ähnlichen Leuten, die er/sie kennt und mag. Es besteht nicht nur kein Bedürfnis nach Veränderung, sondern eher Angst davor.

Wie steht es um die Zukunft der christlichen Ortsgemeinden? Und welche neuen Formen des Kirche-Seins entwickeln sich gerade? – Eine Leserdiskussion.

Auch unser hauptamtliches Personal stammt meist aus den wenigen in den Gemeinden aktiven Milieus. Man kann von ihnen kaum erwarten, andere Milieus anzusprechen, deren Lebenswelt ihnen völlig fremd ist. Außerdem werden sie von den bestehenden Gemeinden mit hohen Serviceansprüchen belegt. Wenn diese sich optimal versorgt fühlen, dann kann der/die Hauptamtliche auch seinem „pastoralen Hobby“ außerhalb der klassischen Gemeindearbeit nachgehen. Ich bin aber eher skeptisch, wie groß die Unterstützung aus den Gemeinden dafür sein wird. Vielleicht muss es stärker von Leuten außerhalb der klassischen Gemeindestrukturen kommen. Früher hatten hier oft die Orden ein Innovationspotenzial. Aber zur Zeit werden auch sie immer stärker in die Pfarrseelsorge eingebunden.
Pfarrer Gerald Kluge, Dippoldswalde

Seit längerer Zeit nehme ich in Ihrer Zeitung wahr, dass die Gemeinde als Grundform christlichen und kirchlichen Lebens überwiegend als Auslaufmodell dargestellt wird. Das wird in Beiträgen pastoraler Lehrstuhlinhaber/innen theologisch begründet, ist in Statements pastoral Verantwortlicher oft ein Grundtenor, oder die normale Gemeinde dient bei der Berichterstattung über innovative kirchliche Projekte als dunkle Negativfolie, auf der „das Neue“ umso stärker leuchtet. Der Diskussionsbeitrag von Benno Kirtzel markiert hierbei einen gewissen Höhepunkt. Leider nehme ich dieselbe Tendenz auch in der Pastoralausbildung und bei vielen Pastoralstrategen wahr, ebenso darin, dass immer mehr pastorale Mitarbeiter/innen in immer neue Formen von Kategorialseelsorge gehen und die normale Gemeindearbeit personell immer mehr ausblutet; das ist in jedem Einzelfall sicher gut begründbar, in der Summe jedoch fatal.
Zunächst: Mit „Gemeinde“ meine ich hier ausdrücklich nicht die neuen Großpfarreien, sondern natürlich die Ortskirchengemeinden, seien sie kleiner oder größer. Die Gleichsetzung von „Pfarrei“ und „Gemeinde“ gehört der Vergangenheit an. Wo man dies weiterhin gleichsetzt – also eine Pfarrei aus mehreren Ortsgemeinden als eine Gemeinde versteht –, da werden die meisten dieser Ortsgemeinden tatsächlich über kurz oder lang abgewickelt und es wird nur noch leben, was sich im Schatten des Kirchturms der Pfarrkirche befindet. Hier müssen vor allem die Hauptamtlichen einen Perspektivwechsel hinbekommen: Jede Ortskirchengemeinde ist „Gemeinde“ im Vollsinn und darf als das konkrete Volk Gottes vor Ort ihr Leben im Sinne Jesu gestalten – entsprechend ihrer größeren oder geringeren Möglichkeiten. Wenn man Menschen ermutigen möchte, weiterhin vor Ort Kirche zu sein, brauchen diese ein klares positives Signal in diese Richtung. Für anonyme Großsysteme engagiert sich ehrenamtlich kaum jemand.
Leichter löst man das Problem natürlich, indem man die „Gemeinde“ einfach als überholte Sozialform und Auslaufmodell betrachtet, als lästiges Erbe oder schlimmstenfalls sogar als ein zu überwindendes Übel. Die Stichworte „Milieuverengung“ und „Clanstrukturen“ weisen in diese Richtung, mit dem Satz als Höhepunkt: „Es gibt wohl keinen Bereich der Welt, der cliquenhafter ist als ein Kirchhof“.
Ich hatte das unfassbare Glück, in den letzten 30 Jahren in Greiz, Leipzig, Bautzen, Crimmitschau, Werdau und Dresden durchweg sehr lebendige und vielfältige Gemeinden erlebt zu haben, auf die diese Stichworte nicht zutrafen, sondern wo Menschen ehrlich miteinander und in Offenheit nach außen versucht haben, im Sinne Jesu als christliche Gemeinschaft zu leben, auch mit Problemen und Konflikten.
Ich halte die Ortsgemeinden auch weiterhin für die notwendige Basis kirchlichen Lebens, auch wenn sich manche Abläufe und Formen sicher ändern werden. Wo erhalten denn Kinder und Jugendliche, deren Familien nicht zu den religiös Aktiven zählen, eine Chance, den christlichen Glauben tiefer kennenzulernen und sich dann bewusst zu entscheiden? Die traditionellen Formate der Erstkommunion- und Firmvorbereitung und ebenso die alltägliche Kinder- und Jugendarbeit sind gute Orte dafür. Wo finden denn Menschen, die im Gemeindeleben ebensowenig auftauchen wie im geistlichen  Kneipengespräch, an den Umbruchstellen ihres Lebens einen schlicht und einfach erstmal „zuständigen“ Ansprechpartner. Da ist das Territorialprinzip eine gute Basis. Die „missionarischsten Veranstaltungen“, die wir haben, sind Taufen, Trauungen und Beerdigungen, wo jedesmal viele nichtreligiöse Menschen bereit sind, in großer Offenheit Lebensdeutung aus dem christlichen Glauben zu hören – auch wenn das „Missionarische“ dabei weder im Namen steht noch das primäre Ziel sein darf. Ich habe dort sicher mehr geistlichen Kontakt zu nichtreligiösen Menschen als viele sogenannte „missionarische Projekte“ zusammen. Entscheidend ist dabei natürlich, dass wir diese Dinge in großem Respekt vor den konkreten Menschen vorbereiten und in einer verständlichen Sprache und Symbolik feiern. Da haben wir aber ein großes Potenzial, das wir nicht leichtfertig zerstören sollten.
Und nicht zuletzt sind Jesus und die neutestamentlichen Gemeinden weiterhin der Maßstab: Selbst der mit Jesus wandernde Jüngerkreis war eine Gemeinschaft und hat in dieser gelernt, was „Reich Gottes“ konkret bedeutet, und gleichzeitig gab es in Galiläa und Judäa schnell ortsfeste Hausgemeinden (Clanstrukturen?) seiner Anhänger. Und Paulus und die anderen neutestamentlichen Apostel und Apostelinnen haben Gemeinden gegründet und geistlich begleitet, und nicht bloß Projektarbeit geleistet. Denn eine verbindliche Gemeinschaft mit all ihren Ecken und Kanten ist der Ort, wo das Evangelium zur lebenspraktischen Herausforderung wird und „Reich Gottes“ erkennbar werden kann.
Pfarrer Michael Gehrke, Dresden

Endlich – so war mein Empfinden –als ich den Artikel las. Danke dafür. Endlich: Zur Sprache kommt die (Nicht-)Entwicklung „alter Strukturen“. In meinem Alter kann ich die Nichtentwicklung der Jugend-/Kinder-/Familienseelsorge beobachten.Endlich: Zur Sprache kommt die übernommene Vereinskultur des 19. Jahrhunderts. Endlich: Zur Sprache kommt, wie wenig Menschen der Sinusstudie durch unsere (in Ehren) veraltete Art der Verkündigung in Berührung kommen. Endlich: Als pensionierter Priester erlebe ich vor Ort eine Gemeinde, die nach dem Gottesdienst immer wieder in vertrauten Gruppen sich versammelt und Hinzugekommene (auch mich) kaum beachtet. Endlich: „Die Letztveranwortung liegt bei Gott.“ Endlich: Der Hinweis auf Christen – nicht Getaufte – außerhalb der schwindenden Gemeindestrukturen. Da gehört es zu meinem Schatz an Erfahrungen, dass sehr viele Menschen auf der Suche sind nach diesem Gott. Diese Suche zeigt sich in Formen, die Vertraute irritieren, selbst mich irritierten, aber zu neuen (Gottes)Erkenntnissen führten. Sie sind aber an einer Erfahrung gescheitert, die da heißt: „Das war schon immer so“.
Wie heißt es im Psalm 81, 9f: „Höre, mein Volk (das sind wir doch oder?), ich will dich mahnen! Israel, wolltest du doch auf mich hören! Kein fremder Gott soll bei dir sein, du sollst dich nicht niederwerfen vor einem fremden Gott. Ich bin der Herr, dein Gott, der dich heraufgeführt hat (aus Ägypten/ der DDR). Weit öffne deinen Mund! Ich will ihn füllen. Doch mein Volk hat nicht auf meine Stimme gehört; Israel hat mich nicht gewollt. Da überließ ich sie ihrem verstockten Herzen: Sollen sie gehen nach ihren eigenen Plänen.“
Pfarrer i.R. Joachim Kramer, Gerstungen

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