06.10.2022

Tagung zu sexuellem Missbrauch und dessen Vertuschung in der katholischen Kirche

Unheiliges Schweigen

Sexueller Missbrauch in der Katholischen Kirche und seine Vertuschung: Am 20. September diskutierten Fachleute in Leipzig über gesellschaftliche Hintergründe in Irland, BRD und DDR. Betroffene fordern mehr.

Diskutierten in Leipzig: Professor Thomas Großbölting, Jonatan Burger, Derek Scally, Professorin Manuela Dudeck (von links).    Foto: Birgit Pfeiffer

 

Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig und die Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen gingen in einer Podiumsdiskussion sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche, dessen Vertuschung und seinen zeitgeschichtlichen Kontexten nach. Insbesondere der Blick nach Irland nach 1945 machte Gemeinsamkeiten wie Unterschiede mit BRD und DDR sichtbar. Es ging jedoch nicht darum, „sexuellen Missbrauch als Thema der Vergangenheit zu behandeln oder Verantwortung zu nivellieren“, betonte Jonatan Burger, Referent der katholischen Akademie, vor etwa 40 Besuchern.
Derek Scally, Korrespondent der Irish Times in Berlin, hat das Buch „The Best Catholics in the World“ geschrieben, welches sich der Katholischen Kirche in seiner Heimat Irland widmet. Ihm zufolge sei katholische Kirche seit dem fünften Jahrhundert konstant eine starke Macht in Irland gewesen, ein Trost zu Zeiten der Fremdbeherrschung, eine Institution, der man großen Respekt entgegenbrachte. Mit der „Halb-Unabhängigkeit“ von Großbritannien habe die katholische Kirche, die anders als der Staat über die notwendigen Mittel verfügte, das Schul-, das Gesundheitswesen und die Pflege übernommen; im Gegenzug bekam sie Macht. „Doch mit Macht kommt Ehrgeiz“, so Scally. Die Kirche habe „am Ende fast die Hand über dem Staat gehabt“, wie „in einer Art Theokratie“. Seit 30 Jahren breche dies zusammen, „inzwischen sehr schnell“, sagte der Autor.
Etwas anders die Situation in Westdeutschland, die der Hamburger Historiker Thomas Großbölting beschrieb: Zwar habe nach dem Krieg die katholische Kirche nicht die ganze Gesellschaft durchwirkt; jedoch habe sie hohe moralische Autorität, eine solide Finanzierung und starke politische Unterstützung erfahren. Dies sei die Grundlage für die „relativ starke Zurückhaltung des Staats“ in der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in Deutschland heute. Der Mitautor des Gutachtens über Macht und sexuellen Missbrauch im Bistum Münster berichtete weiter, dass es insbesondere in den 50er Jahren dort eine große Nähe zwischen Justizapparat und der katholischen Kirche gegeben habe. „Staatsanwälte informierten vorab über das, was sie vorhatten.“ Das gemeinsame Ziel: Rufschädigung für die katholische Kirche zu vermeiden. Dies sei missbrauchsbegünstigend gewesen.
In der DDR indes griff noch eine andere Dynamik, über die Manuela Dudeck berichtete. Die Rostockerin forscht zu Forensischer Psychiatrie und Psychotherapie in Ulm und war an der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gegen Kinder in der katholischen Kirche Mecklenburgs beteiligt. In der DDR habe es die Besonderheit gegeben, „dass die katholische Kirche moralisch keine Täter haben konnte.“ Es herrschte das Denken: „Selbst wenn ein Priester ein Täter ist, werden wir ihn doch nicht DDR-Verantwortlichen ausliefern“, so die Professorin. Auch der sozialistische Staat habe kein Interesse gehabt, Missbrauch öffentlich bekannt zu machen.

Betroffene endlich als Gegenüber ernst nehmen
„Ein anderer ganz wichtiger Faktor ist, dass Täter aus den alten Bundesländern in die neuen Bundesländer kamen, noch vor der politischen Wende. Das hat die Situation noch mehr ungut werden lassen.“ Auffällig gewordene DDR-Priester – so gehe aus Akten hervor – seien in Einzelfällen unter Druck gesetzt worden, für das Ministerium des Inneren zu arbeiten. „Ich glaube, dass beide Seiten voneinander profitiert haben, auch wenn das erst einmal nicht so aussieht.“
Für die Betroffenen, die sich an der anschließenden Diskussion beteiligten, steht fest: Je länger die Aufklärung dauert, desto schlimmer. Christiane Gläser von der Initiativgruppe Aufarbeitung von Unten hat genug von institutionellen Betroffenheitsbekundungen, denn danach komme nichts Substanzielles. Sie sagt: „Wir möchten ernst genommen werden, nicht nur als ehemaliges Häufchen Elend, sondern als echtes Gegenüber.“ Scally kenne die „Aufklärungsverschleppung“ bereits aus Irland. „Bischöfe, die immer noch sagen: Wir müssen noch lernen, wir müssen noch zuhören, bitte noch ein Aufklärungsbericht und noch einer – das ist Zynismus. Sie zerstören ihre eigene Kirche.“

Von Birgit Pfeiffer