17.09.2020

Stadtrundgang zum Thema Obdach- und Wohnungslosigkeit

Mitten im Abseits

Zu einem Stadtrundgang besonderer Art luden Leipziger Caritas und Diakonie am 5. September ein. Orte, Initiativen und Menschen, die Obdach- und Wohnungslosen Hilfe und Schutz geben, waren das Ziel.

Benjamin Müller, Leiter der „Leipziger Oase“ spricht in den Räumen des Tagestreffs zu Teilnehmern des Stadtrundgangs.    Fotos: Sandy Feldbacher

 

Leipzig abseits der Touristenrouten entdecken, so stand es in der Ausschreibung eines Stadtrundgangs zum Thema Wohnungslosigkeit, den die kirchlichen Wohlfahrtsverbände der Stadt anboten. Marie Felicitas Busch von der Diakonie und Lucia Henneke von der Caritas organisierten den Rundgang zum zweiten Mal, ursprünglich gedacht als Veranstaltung für Menschen, die mit Obdach- und Wohnungslosen arbeiten. Orte, Initiativen und Menschen kennenzulernen, die den Betroffenen Hilfe und Schutz geben, war das Ziel. Obdach- und Wohnungslose begleiteten die Gruppe und standen den Teilnehmern Rede und Antwort. Der Weg führte durch das Zentrum Leipzigs, der größten Stadt Sachsens und der am schnellsten wachsenden in Deutschland. Die Einwohnerzahl überschritt 2019 die 600 000er Marke. Die Stadt floriert. Trotz positiver Wirtschaftsentwicklung haben längst nicht alle Menschen einen Wohnraum und sind von Wohnungslosigkeit betroffen. Die Lage auf dem Leipziger Wohnungsmarkt ist angespannt, wie auch die jüngsten Proteste in Leipzig-Connewitz zeigen. Die Zahl der Umzüge in der Stadt verringert sich. Der in den letzten Jahren durch Sanierung geschaffene Leerstand in Leipzig ist aufgebraucht. 3 000 bis 4 000 neue Wohnungen müssten gebaut werden. Nur die Hälfte wird fertig. Ein Schlagwort ist Gentrifizierung, die Bewohner einzelner Stadtviertel ordnen sich je nach Einkommen neu, Besserverdienende verdrängen Alteingesessene.

STICHWORT
Kurz erklärt
  • Menschen ohne eigene mietrechtlich abgesicherte Wohnung gelten als wohnungslos. Sie kommen zeitweise bei Bekannten, Freunden und Verwandten unter oder leben auf eigene Kosten in Hotels und Pensionen.
  • Menschen ohne jegliche Unterkunft gelten als obdachlos. Sie leben auf der Straße oder in Behelfsunterkünften (Baracken, Wohnwagen, Abrisshäusern, Gartenlauben...).

Wer es sich leisten kann, zieht ins Umland
Mit steigender Tendenz gehören Obdach- und Wohnungslose zum Straßenbild. Nicht abseits, sondern mitten in der Stadt. Eine offizielle Statistik über die tatsächliche Anzahl der betroffenen Menschen existiert für Leipzig nicht.
Zurück zur Tour, diese beginnt am „Teekeller Quelle“, der bei der Michaeliskirche am Nordplatz zu finden ist. Der Tagestreff entstand vor dem politischen Umbruch im Herbst 1987, für die im Zuge der Amnestie aus der Haft Entlassenen. Im Treff arbeiten Gerit Schleusener und ein Team von etwa zehn Ehrenamtlichen. Eine Ehrenamtliche führte durch die Räumlichkeiten und erzählte über die Arbeit mit den Gästen des Treffs. Dienstags und donnerstags werden die Räume ab 17 Uhr geöffnet. Es gibt eine warme Mahlzeit. Bis zu dreißig Personen nehmen dieses Angebot wahr. Neben Beratungs- und Hilfsangeboten, gibt es biblische Impulse, Englischunterricht, Museumstage. „Die Gäste können hier zu Wort kommen“, sagte Schleusener.
Udo Schieritz vom Vorstand des Freundeskreises Teekeller berichtete von einer guten Zusammenarbeit zwischen Treff und der Michaelis-Friedens-Gemeinde. Zwei Ehrenamtliche des Teekellers verteilen seit 2019, mittwochs und sonntags, übriggebliebene Lebensmittel als Spenden am Hauptbahnhof. Ein Arzt begleitet sie jeden Mittwoch auf ihrer Tour.
Der Treff musste Ende März seinen Betrieb unterbrechen, hielt aber das Angebot für Obdachlose auf der Straße aufrecht. Seit März diesen Jahres gab es dann täglich, seit Juni zweimal wöchentlich eine Versorgung der Menschen mit Essen, Wasser und Kleidung.
Über die „Punkwerkxxkammer“, einem Wohnprojekt von Obdachlosen für Obdachlose, führte der Weg weiter zur Ökumenischen Bahnhofsmission. Sophie Wischnewski empfing die Gruppe. Die Sozialarbeiterin sprach über ihre Arbeit und der seit 2019 eingeführten Sozialberatung, die das Angebot der Bahnhofsmission erweitert.

Eingang zum Teekeller Quelle an der Leipziger Michaeliskirche.

„Für viele von uns ist es selbstverständlich, nach Hause zu kommen, die Tür hinter uns zu schließen“, so eröffnete die Sozialanthropologin Luisa T. Schneider ihren Vortrag in den Räumen der Diakonie. „Unsere Wohnung ist Versorgungslager und Konstante, ist privater Raum, in dem wir leben können, wie und mit wem wir wollen. Eine Wohnung ist verbunden mit einer Adresse, mit Rechten und ermöglicht Rückzug.“ Schneider begleitet wohnungslose Menschen seit 2018 und lernt so ihre Lebenssituation kennen. Bisher baute sie Kontakte zu über 300 Menschen auf, kennt ihre Biografien und begleitet den Alltag.

Die Stufen sind für Betroffene zu hoch
Sie machte deutlich, dass Wohnungslosigkeit jeden treffen kann. Hauptursachen sind neben Flucht und Migration, Familienereignisse, wie Scheidung, Trennung und Tod. Plötzliche Arbeitsunfähigkeit oder psychische Erkrankung können wohnungslos machen. Eindrücklich schilderte sie die Unvereinbarkeit des Hilfesystems in Deutschland mit den Bedürfnissen Wohnungs- und Obdachloser. Es ignoriert sowohl das Bedürfnis nach Privatsphäre und Intimität als auch das nach Nähe und Gemeinschaft. Wird eine Familie wohnungslos, werden die Mitglieder getrennt. Sie werden in verschiedenen Einrichtungen untergebracht.
Erwartet wird, dass Betroffene ihre Probleme selber lösen, ehe sie die Chance auf eine Wohnung erhalten. Obdachlose, die sich diesem Stufensystem gegenüber sehen, um in eine „wohnende Gesellschaft“ zurückzukehren, ist es nahezu unmöglich, diese Stufen zu erklimmen. Bereits der Weg zum Amt, das Stellen eines Antrags, wird zur Hürde. Die Menschen stehen „komplexen Mehrfachanforderungen“ gegenüber, so Schneider. Die Stufen vom Übernachtungshaus bis zur Sozialwohnung sind für viele unüberwindbar hoch.

Wohnung soll die Basis sein, nicht das Ziel
Als ein Weg aus dieser Misere gilt nach Auffassung der Wissenschaftlerin, das aus den USA stammende Modell „Housing first“ (Wohnraum zuerst). Hierbei ist die Wohnung die Basis, nicht das Ziel. Die Zuweisung von Wohnraum ist somit nicht an die aktive Mitwirkung Wohnungsloser gebunden. Angebote zur Hilfe gibt es erst nach dem Einzug. Von Schneiders Forschungen profitieren Leipziger Behörden und Wohlfahrtsorganisationen, mit denen sie in Kontakt steht.
Benjamin Müller, Leiter der „Leipziger Oase“, empfing die Gruppe an der letzten Station des Rundgangs. Diese Einrichtung ist ein Tagestreff, der wochentags bis sechzehn Uhr geöffnet ist. „Erst gegen Abend öffnen die Übernachtungshäuser“, merkte Müller kritisch an. „Das ist gesetzlich so verankert. Dadurch kommen die Obdachlosen nicht zur Ruhe.“ Für die Nacht suchen sie einen Schlafplatz. Mitten in Leipzig, nahe an den Touristenrouten.

Von Constanze Wandt