01.10.2020

Leipziger Oratorianer übernehmen Verantwortung für Fehler

Einen Neuanfang ermöglichen

Bei einem Pfarreiabend haben die Leipziger Oratorianer ihren Rückzug aus der Pfarrei Philipp Neri begründet. Sie hätten mit dieser freiwilligen Entscheidung Verantwortung für eigene schwerwiegende Fehler übernommen, legten sie dar. Bei den Mitgliedern ihrer Gemeinden baten sie um Verzeihung.

Sakramentsaltar in der Pfarrkirche mit einer Statue des heiligen Philipp Neri, Patron der Oratorianer und der Pfarrei.    Foto: Wikimedia/Martin Geisler

Vor Leipziger Katholiken hat sich der leitende Pfarrer Thomas Bohne am 23. September von seinen Einschätzungen distanziert, die er in einem Interview wenige Tage zuvor über den Pfarrbrief und die Internetseite der Pfarrei verbreitet hatte. Gemeinsam mit den Oratorianern Eberhard Thieme und Michael Jäger hatte er dort der Dresdner Bistumsleitung einen großen Teil der Verantwortung für den eigenen Rückzug aus der Pfarreiseelsorge zugeschrieben.
Während des Abends in der Pfarrkirche Liebfrauen zeigte sich Pfarrer Bohne hingegen dankbar für die Chance auf einen Neuanfang in neuen Aufgabenfeldern missionarischer Pastoral in Leipzig, die das Bistum der Gemeinschaft einräume. Er bat die Gemeindemitglieder um Verzeihung für schwerwiegende Fehler in der Pfarreiführung, die der Dresdner Generalvikar Andreas Kutschke zuvor in einer Stellungnahme zum Interview angesprochen  hatte, unter anderem bei den Finanzen, der Personalführung und der Prävention.
Auch Michael Jäger, der Präpositus des Leipziger Oratoriums, und Eberhard Thieme gestanden Fehler ein und baten dafür um Verzeihung. Vor allem der Umgang des Oratoriums mit dem Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt hatte in den vergangenen Jahren für Unmut in Teilen der Pfarrei gesorgt und dazu geführt, dass viele junge Familien sich zurückzogen. In einem offenen Brief, der zu Beginn des Gemeindeabends verlesen wurde, hatte Dr. Hansi-Christiane Merkel, die ehemalige Ansprechpartnerin für Verdachtsfälle sexualisierter Gewalt im Bistum, die Versäumnisse der Oratorianer benannt.
Insbesondere hätten sie ignoriert, dass ein Mann, der sich ihrer Gemeinschaft 2016 anschloss, an früheren Wirkungsstätten mehrfach durch übergroße und übergriffige Nähe zu Kindern aufgefallen war. Sie hätten ihn auch dann noch unbeaufsichtigt in der Kinder- und Jugendarbeit ihrer Pfarrei eingesetzt, als ihnen bekannt wurde, dass ihr Mitarbeiter im Erzbistum Berlin aufgrund eindeutiger Fakten mit einem Arbeitsverbot belegt worden war und selbst dann noch, als sie zunächst vom Dresdner Bischof und später vom Generalvikar die Order erhielten, ihn nicht weiter mit Kindern und Jugendlichen arbeiten zu lassen.
Die Gemeindekatechetin, die das grenzüberschreitende Verhalten des Laien-Oratorianers beobachtet und ihre Wahrnehmungen mitgeteilt hätte, sei daraufhin im August 2019 vom Dienst freigestellt und schließlich einem arbeitsrechtlichen Verfahren ausgesetzt worden. Kinder und Jugendliche könnten in den Gemeinden aber nur dann wirksam geschützt werden, wenn eine Kultur der Wachsamkeit gepflegt werde und Hinweise auf grenzüberschreitendes Verhalten bereits unterhalb des strafrechtlich relevanten Bereichs ernst genommen und nicht abgestraft würden.

Oratorianer haben ihren Blick für die Wirklichkeit geöffnet
Im Blick auf die Katechetin beriefen sich die drei Priester auf die Schweigeklausel, die mit der Aufhebung ihres Arbeitsvertrages vereinbart worden sei. Fragesteller wiesen darauf hin, dass eine solche Schweigeverpflichtung die öffentliche Rehabilititierung der pastoralen Mitarbeiterin verhindere. Die Oratorianer sicherten zu, dass es im kleineren Rahmen der Pfarreigremien eine Aufarbeitung des Geschehenen geben werde. Für ihren fahrlässigen Einsatz des Laien-Oratorianers in der Kinderarbeit und für Diffamierungen vieler in der Gemeinde, die im Laufe der vergangenen Jahre Besorgnis oder Kritik zum Ausdruck gebracht hatten, entschuldigten sie sich ausdrücklich und in sehr persönlichen Worten. Pfarrer Bohne räumte ein, er habe den Blick vor der Wirklichkeit lange verschlossen, weil er seinen engagierten und kompetenten Mitarbeiter nicht verlieren wollte. Er habe gelernt, dass es in der Missbrauchs-Thematik sogar im Umgang mit guten Freunden wichtig sei, wachsam zu bleiben, ergänzte Pfarrer Thieme.
Die Pfarrei Philipp Neri ist eine von acht Pfarreien im Bistum Dresden-Meißen, die bisher kein institutionelles Schutzkonzept erstellt haben. Dies gemeinsam mit Ehrenamtlichen nachzuholen, wird eine der ersten Aufgaben für das neue Seelsorge-Team mit Pfarrer Andrzej Glombitza sein, das am ersten Advent im Leipziger Westen an den Start geht.

Ein Platz vor der Kirche könnte die Erinnerung wachhalten
Die drei Oratorianer freuen sich unterdessen auf ihre neuen Wirkungsbereiche. Im November werden sie eine gemeinsame Wohnung im Leipziger Stadtzentrum beziehen. In der Kapelle des St. Elisabeth-Krankenhauses wollen sie regelmäßig Samstagabends zum Gottesdienst einladen.
Thomas Bohne wird künftig in der Gefängnis- und Flughafenseelsorge arbeiten und zudem sein Engagement für christliche Filmbewertung und Film-Exerzitien fortsetzen. Eberhard Thieme kommt in der Seniorenseelsorge zum Einsatz. Das Betätigungsfeld von Michael Jäger ist bisher offen.
Um das Wirken ihrer Vorgänger zu würdigen – immerhin prägte die Gemeinschaft seit 1930 die Kirchen- und Leipziger Stadtgeschichte – unterstützen die Oratorianer einen Antrag von drei Männern der Gemeinde, dem neu entstehenden Platz gegenüber der Pfarrkirche den Namen „Platz der Oratorianer“ zu geben. Für dieses Ansinnen haben die Initiatoren bereits mehr als 100 Unterschriften gesammelt.

Von Dorothee Wanzek
 

Kommentare

Ein klarstellendes Wort, eine Entschuldigung ist immer ein Zeichen, ein Angebot für eine Aufarbeitung vergangener Ereignisse und Verhaltensweisen. Und das es ist gut, dass am 23.09. ein Anfang gemacht wurde. Dennoch habe ich, als langjähriges Gemeindemitglied, die Befürchtung, dass alle Tätigkeiten der jetzigen Oratorianer nur noch durch die „Missbrauchsbrille“ betrachtet werden. Dies bestätigten meine ersten Fragen an unbeteiligte Freunde und Leser des Tag des Herrn außerhalb Leipzigs. Genau so wichtig wie die Aufarbeitung ist doch: Jedes jetzige Mitglied der Oratorianer auch in seiner gesamten Person,Tätigkeit zu betrachten. Mit seinen guten, als auch veränderungsbedürftigen Eigenschaften. Auch wir, als Gemeinde werden uns fragen müssen, wie unser Verhalten zu dieser Situation beigetragen hat. Andreas Pilz Liebfrauengemeinde