04.02.2021

Online-Thementag zur Synodalität

Kirche hat Nachholbedarf

Mit Papst Franziskus ist Synodalität zum neuen Zauberwort in der katholischen Kirche geworden. Ein Online-Thementag zeigte, dass es noch ein langer Weg ist bis zu einem echten Miteinander des ganzen Gottesvolkes.

Der Synodale Weg ist der Versuch der katholischen Kirche in Deutschland, Zukunftsfragen nicht nur durch geweihte Amtsträger lösen zu lassen, sondern das Gottesvolk mit einzubeziehen.    Foto: kna/Bert Bostelmann

 

Die Wahl und Ernennung eines neuen Bischofs in der römisch-katholischen Kirche ist in der Regel von ziemlich viel Geheimniskrämerei begleitet. Zwar werden in Einzelfällen Laien bei der Suche nach geeigneten Kandidaten einbezogen, in der Regel aber sind es die geweihten Amtsträger, die in einem geheimen Verfahren über die Besetzung von Bischofsstühlen entscheiden. War in früheren Jahrhunderten das Gottesvolk an der Auswahl des neuen Bischof beteiligt, kann es heute am Ernennungstag mittags um 12 Uhr gespannt dem Vorsitzenden des Domkapitels lauschen, wer der Erwählte ist. – Dass es auch heute anders geht, zeigt die letzte Bischofswahl im Bistum St. Gallen im Jahr 2006. Hier hatte das Domkapitel im Vorfeld seiner Wahl das Gottesvolk befragt, welche Eigenschaften ein neuer Bischof mitbringen sollte und wen sie für eine geeigneten Bischofskandidaten hielten. Die eingegangenen Vorschläge wurden bei der Zusammenstellung der Kandidatenliste des Domkapitels berücksichtigt. Nachdem diese Liste in Rom begutachtet worden ist, hat das Katholische Kollegium – das demokratisch gewählte Parlament der Katholiken des Bistums – das Recht der Einsichtnahme und der Streichung von bis zu drei der sechs Namen. Erst danach schreitet das Domkapitel zur Wahl. Der Name des Gewählten wurde bei früheren Wahlen dann sofort in der Kathedrale verkündet. Das hat der Vatikan 1995 verboten. Die Verkündung darf jetzt erst nach der Bestätigung des Gewählten durch den Papst erfolgen.

„Klerikalisierung der westlichen Kirche“ im Mittelalter
Die St. Gallener Bischofswahl war ein Beispiel, das der Münchner Kirchenhistoriker Franz Xaver Bischof bei der Online-Tagung „Voll(e) Macht? – Kirchliche Synodalität im 21. Jahrhundert“ für schon heute mögliche Mitwirkung des ganzen Gottesvolkes an wichtigen Entscheidungen für die Kirche nannte. Mögen die Bischofswahlverfahren auch rechtlich verschieden geregelt sein, nirgendwo ist es den beteiligten Gremien und Personen untersagt, die Meinung des Gottesvolkes dabei zu berücksichtigen. Diese Praxis wäre dabei nicht neu. Franz Xaver Bischof zeigte bei der Tagung wie aus dem einst breit angelegten Verfahren zur Bestellung von Bischöfen im Zuge einer „Klerikalisierung der westlichen Kirche“ im Mittelalter ein Bischofswahlverfahren wurde, das Laien weitgehend ausschloss. Dabei komme es gerade mit Blick auf die gegenwärtige Kirchenkrise darauf an, heute authentische Bischöfe zu haben.
Die Bestellung von Bischöfen war ein Beispiel für mangelnde Beteiligung von Laien an Entscheidungsprozessen in der Kirche, das bei der von den katholischen Akademien in den mitteldeutschen Bistümern und vom Theologischen Forschungskolleg der Universität Erfurt veranstalteten Tagung in den Blick genommen wurde. Der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers gestand in seiner Begrüßung: „Bei der Synodalität haben wir als katholische Kirche wahrlich Nachholbedarf.“ Die Tagung solle helfen, „der Synodalität in der Kirche mehr auf die Spur zu kommen“. Mit Blick auf die gegenwärtigen Kirchensituation sagte er: „So herausfordernd und schmerzhaft es auch sein mag, es ist gut, dass wir als Bischöfe, Getaufte und Kirche derzeit so kritisch angefragt werden.“ Dabei betonte der Bischof: „Kirche will Synodalität, Solidarität und Dialog.“

Kirche braucht „kluge Hirten und eine aufgeklärte Herde“
Mehr Mitspracherecht für die Gläubigen in der katholischen Kirche, erwartet auch der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert. „Die Kirche der Zukunft braucht kluge Hirten und eine aufgeklärte Herde, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und davon Gebrauch macht“, sagte er im Eröffnungsvortrag der Tagung.

ZITIERT
Die Hirten und die Laien
Aus der dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ des Zweiten Vatikanischen Konzils: Die geweihten Hirten aber sollen die Würde und Verantwortung der Laien in der Kirche anerkennen und fördern. Sie sollen gern deren klugen Rat benutzen, ihnen vertrauensvoll Aufgaben im Dienst der Kirche übertragen und ihnen Freiheit und Raum im Handeln lassen, ihnen auch Mut machen, aus eigener Initiative Werke in Angriff zu nehmen. Mit väterlicher Liebe sollen sie Vorhaben, Eingaben und Wünsche, die die Laien vorlegen, aufmerksam in Christus in Erwägung ziehen. Die gerechte Freiheit, die allen im irdischen bürgerlichen Bereich zusteht, sollen die Hirten sorgfältig anerkennen. Aus diesem vertrauten Umgang zwischen Laien und Hirten kann man viel Gutes für die Kirche erwarten. (LG 37)

Mit Blick auf seine langjährige politische Erfahrung sagte der Katholik Lammert, die Menschen erwarteten in einer Demokratie, „sich an der Bewältigung ihrer eigenen Angelegenheiten beteiligen zu können“. Entscheidungsfindungen in einer Demokratie seien häufig zeitintensiv und komplex, weil viele beteiligt sind. Das senke aber im Gegensatz zu autoritären Entscheidungen das Fehlerrisiko. Angestrebt werden nicht vermeintliche Ideale, sondern mehrheitsfähige Lösungen, die auch die unterlegene Seite am Ende mittragen könne. Auch wenn nicht alle Einsichten aus der demokratischen Praxis auf das Miteinander in der Kirche übertragbar seien, forderte Lammert die Kirche auf, den Synodalen Weg entschieden weiter zu verfolgen. Dabei machte er aber aus seiner Skepsis keinen Hehl: Die jüngsten Äußerungen aus Rom würden seine Hoffnungen nicht bestärken.
Der Leipziger Propst Gregor Giele wies auf den Unterschied zwischen Synodalität und Demokratie hin. Synodalität sei nicht die kirchliche Umsetzung von Demokratie. Am Ende eines synodalen Prozesses stehe nicht ein durch Mehrheiten erreichtes Ergebnis, sondern eine Einigung. Die Kirche brauche mehr Synodalität und mehr Demokratie, so Giele. Er habe den Eindruck, dass das Thema Synodalität gegenwärtig vorangetrieben werde, um den demokratischen Nachholebedarf in der Kirche zu verschleiern. Notwendig sei seiner Ansicht nach auch mehr Mut zu Regionalität in der katholischen Kirche. „Die Vielfalt muss wieder ernst genommen werden.“ Es gehe bei Regionalität nicht um den Sonderweg einer Kirche, sondern um die Antwort der Kirche vor Ort auf anstehende Fragen.
Die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop sprach mit Blick auf den Synodalen Weg in Deutschland von einem Experiment. Man probiere etwas Neues, um die notwendigen Reformprozesse gemeinsam zu gestalten. „Bisher haben wir damit gute Erfahrungen gemacht.“ Aber: „Wir üben noch. Ein Gespräch auf Augenhöhe zwischen Bischöfen und Laien ist noch nicht selbstverständlich.“
Die Regensburger Kirchenrechtlerin Sabine Demel sieht hier Gräben zwischen Idee und Wirklichkeit klaffen. Nehme man Synodalität wirklich ernst, verlange das „strukturelle Gleichheit im Zugang zu Ämtern und Diensten“. Die gegenwärtige kirchliche Realität sei aber durch eine „einseitige Machtstellung der Kleriker“ geprägt.

„Rat des Gottesvolkes“ und bischöfliche Rechenschaftspflicht
Neben dem Beispiel der Mitwirkung bei der Ernennung neuer Bischöfe sieht Demel jetzt schon weitere Möglichkeiten, „klerikale Privilegierung“ ohne Gesetzesänderung abzubauen. So könnten sich Bischöfe und auch Priester in Form von freiwilligen Selbstverpflichtungen an den „Rat des Gottesvolkes“ binden. Im Bistum Hildesheim erprobe Bischof Heiner Wilmer gerade ein solches ihn beratendes Gremium. Eine andere Möglichkeit sieht Demel in einer Selbstverpflichtung der Bischöfe, jährlich gegenüber den Gläubigen einen Rechenschaftsbericht abzugeben. Auch wenn derartige Formen rechtlich nicht festgeschrieben seien, könnten sie doch bei einem Bewusstseinswandel hin zu mehr Synodalität helfen.

Von Matthias Holluba