15.04.2021

Künstliche Intelligenz und die Kirchen

Tolle Aufgabe für die Kirchen

Die Künstliche Intelligenz macht rasende Fortschritte. Kaum ein Lebensbereich, in dem die Technik dem Menschen nicht vieles abnimmt. Wo geht die Entwicklung hin? Und welche Grenzen gibt es? Bei der Suche nach Antworten sind auch die Kirchen gefragt.

Künstliche Intelligenz bestimmt immer mehr Lebensbereiche. In der Debatte um ihre Nützlichkeit und ihre Grenzen sind die Kirchen gefragt.    Foto: Imago/Alexander Limbach

 

Das Navi kennt den Weg, der Fitness-Tracker misst Körperwerte: Vielen Menschen erscheinen Anwendungen der Künstlichen Intelligenz (KI) nahezu allwissend. Das beobachtet die Religionspädagogin Birte Platow. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) wirbt die Dresdner Professorin für einen pragmatischen Umgang mit den neuen Technologien und spricht über Herausforderungen für die Entwickler und Chancen für die Kirchen.

Frau Professor Platow, wie weit trägt der Vergleich zwischen Religion und KI?

Er trägt tatsächlich sehr weit. Am Anfang meiner Untersuchungen stand eine persönliche Beobachtung: die Vorstellung, dass mir mit KI etwas Großes gegenüber steht, das mehr weiß als ich, das vielleicht weiter reicht als ich, das über eine gewisse Ewigkeit zu verfügen scheint. Andere Menschen nutzen nicht diese theologischen Begrifflichkeiten. Meine empirische Studie hat aber gezeigt, dass viele Menschen ähnlich empfinden. Sie teilen die Grunderfahrung, einem größeren Wissen und einer gewissen Perfektion gegenüber stehen.

Können Sie hierfür Beispiele nennen?

Menschen erleben diese Situation einerseits im Alltag – beim Navigationssystem oder beim Fitnesstracker. Auch in vielen Berufen, etwa in Versicherungen oder im medizinischen Bereich, tauchen Systeme auf, die scheinbar mehr wissen als die Beschäftigten. Daraus entwickelt der Mensch unbewusst Bilder, die sich gut vergleichen lassen mit dem Verhältnis zwischen Gott und Mensch.

Welche Bedürfnisse werden dabei aus Ihrer Sicht angesprochen?

Ich würde zwei Punkte nennen. Einerseits brauchen wir Menschen ein Gegenüber und neigen dazu, eines zu suchen. Das haben Menschen von jeher getan: mit Maschinen, Techniken, auch stehenden Gegenständen wie Statuen. Sie helfen uns dabei, uns Fragen über uns selbst zu stellen und zu beantworten. Wir suchen stets etwas Menschliches. Das führt bisweilen zu einer amüsanten Verbundenheit, wenn wir uns beispielsweise erschrecken und „mitfühlen“, weil der Mäh-Roboter über einen Stein gefahren ist.

Und andererseits?

Menschen erschöpfen sich nicht in dem, was sie erleben und tun. Sie stellen Fragen, die darüber hinausgehen, spielen mögliche Erfahrungen durch, haben Erinnerungen und Pläne, Wünsche und Ängste. Früher fand die Mehrheit der Menschen eine Antwort in der religiösen Gemeinschaft, im Gebet, durch religiöse Symbolik und Erzählungen. Mit der Aufklärung ist die Religion verdrängt worden, aber das Grundmuster, über sich selbst hinauszudenken, ist geblieben und sucht sich eine neue Heimat. Sie findet sich offenbar im Zusammenhang mit KI. Übrigens nutzen auch äußerst säkular geprägte Forscher häufig religiöse Bilder und Begriffe, sprechen etwa von „Fluch“ und „Segen“, wenn es um das mit KI verbundene Potenzial geht.

Inwiefern trägt die Selbstinszenierung von Tech-Unternehmen zu dieser Wahrnehmung bei?

Sie inszenieren sich wie Lichtgestalten und treten mit einem regelrecht religiösen Manifest an: Wir können die Welt besser machen, und wir werden sie besser machen. Sie wollen Umweltprobleme lösen und Ungerechtigkeit besiegen. Dabei sind nicht unbedingt manipulative Absichten zu unterstellen. Viele Menschen sind davon überzeugt, dass Technologie zu einer besseren Welt beitragen kann. Die Hoffnungen, die früher mit Gott verbunden waren, ruhen heute etwa auf der Medizin: beispielsweise die Vorstellung, dass Menschen nicht mehr sterben müssen.

Welche Anknüpfungspunkte sehen Sie für die Kirchen?

Die Kirchen sind gefragt, zu diesen Themen Stellung zu beziehen. Wenn man begriffen hat, dass religiöse Fragen im Zusammenhang mit der Digitalisierung zumindest indirekt eine Rolle spielen, kann man sich beratend positionieren. Manchmal muss man das vielleicht ohne einen Anspruch tun, sondern einfach eine Denkfigur anbieten. Damit meine ich nicht, dass die Kirchen jeden Anspruch fallen lassen sollten, aber es könnte eine erste Annäherung bei konkreten Herausforderungen bieten.

Die Dresdner Religionspädagogin Birte Platow

Und darüber hinaus?

Seit der Aufklärung ist es offenkundig nicht gelungen, die Bedürfnisse der Menschen wieder zurückzubinden. Sonst würde nicht eine so große Menge von Menschen andere Orte und Ausdrucksformen suchen. Insofern gilt es, selbstkritisch zu fragen, warum Spiritualität auf Social-Media-Plattformen gelebt wird, aber – in vielen Fällen – eben nicht mehr in der Kirche.

Auch eine Debatte über das Menschenbild wird häufig gefordert.

In der KI steckt durchaus kritisches Potenzial. Ein Beispiel: Wenn ich Technikern sage, dass der Mensch – auch als Ebenbild Gottes – etwas Besonderes ist, aber auch seine Grenzen hat, dann kommt oft die Gegenfrage: „Warum? Sehe ich nicht so.“ – Wir kreisen im Christentum sehr um den Menschen, und KI wirft die Frage auf, ob das gerechtfertigt ist. Diese Anfragen, das Hinterfragen der eigenen Überzeugung sollte man ernstnehmen.

Hat sich das Menschenbild aus Ihrer Sicht bereits verändert?

Ja. Momentan entsteht eine neue Anthropologie – mit Stärken und Schwächen. Aus meiner Sicht reicht sie nicht an das Christliche heran. Dennoch stellen sich Fragen wie die, wie wir ethisch mit automatisierten Prozessen umgehen. Vielen Entwicklern ist diese Dimension nicht bewusst, und darin sehe ich wiederum eine Aufgabe für Kirche und Theologie. Uns kommt es zu, Aufklärung zu leisten.

Wie könnte dies aussehen?

In einer Diskussion zu Pflegerobotern habe ich die Techniker einmal gefragt, welches Menschenbild sie zugrunde legen. Sie erklärten, sie hätten kein Menschenbild, sondern technische Herausforderungen. In der Folge sprachen sie dauernd von „DAU“, und als ich nachfragte, erfuhr ich: Sie gehen vom „dumbest assumable user“ aus, also dem dümmsten anzunehmenden Nutzer. Das ist ihr Menschenbild – und dieses Bild müssen sie haben, um zu ergründen, was eine Maschine im schlimmsten Fall anrichten könnte. Mit diesem Bild hängt jedoch viel zusammen: der Mensch als Fehler in einem umfassenden technischen System. Darauf theologisch einzugehen, ist spannend und zugleich herausfordernd.

Was wünschen Sie sich für die öffentliche Debatte um KI?

Man sollte prüfen, wo sie helfen kann und wo tatsächlich Grenzen sind. Auch wünsche ich mir eine breite Grundbildung: zum technischen Verständnis ebenso wie zu der Frage, was die Technik mit dem Menschen macht. Es wäre eine tolle Aufgabe für die Kirchen, sich damit stärker zu befassen. Bislang widmen sie sich eher der Frage, wie sie die Technik für sich nutzen können, etwa für digitale Gottesdienste oder eine Zusammenarbeit mit spirituellen Influencern. Wenn wir religiöses Fachwissen im Zusammenhang mit KI und Digitalisierung anbieten, setzen sich die Menschen mit Aspekten auseinander, die sie vorher nicht gesehen haben. Deswegen werden sie nicht unbedingt beten oder eine Kirche besuchen, aber einen anderen Blick auf ihre Mitmenschen und ihre Umwelt richten. Das erachte ich als einen genuin christlichen Dienst.

Interview: Paula Konersmann