21.12.2022

Krippe der Spandauer St.-Wilhelmskirche zieht Besucher an

Das verlorene Krippenschaf

Die Krippe der Spandauer St.-Wilhelmskirche zieht Kirchenbesucher wegen ihrer ausdrucksstarken Figuren in den Bann. Auch diejenigen, die sie Jahr für Jahr neu in Szene setzen, sind von der Krippe fasziniert.

Die Heilige Familie (ausnahmsweise schon mit Jesus, der eigentlich erst am Heiligen Abend hinzugefügt wird) inmitten der Tiere.    Foto: Martin Liebig

Seit zehn Jahren bauen Martin Liebig und seine Frau Jacqueline kurz vor Weihnachten die Krippe der St. Wilhelmskirche in Berlin-Spandau auf, und oft suchen sie sich eine Familie mit Kindern, die sie beim Aufbau mit einbeziehen. Bevor die Liebigs die Verantwortung für die Krippe übernahmen, hatte jede Figur ihren festen Platz in der Krippenlandschaft. „Wir machen es anders“, sagt Martin Liebig. Fest stehe nur, dass Jesus in der Krippe mit Maria und Josef im Zentrum stehen. Die Details verändern sich, so dass sich rund um das Weihnachtsgeschehen immer wieder neue Geschichten ergeben.
Eine Besonderheit der Krippenfiguren, die der aus Böhmen stammende Künstler Rudolf Heltzel (1907-2005) in den 50er Jahren schuf: Durch eingebaute Gelenke lässt sich die Haltung ihrer Arme, Beine und Köpfe verändern. An diesem Weihnachtsfest streckt Maria die Hand über einem Schaf aus. Ob sie das Schaf streicheln will oder es segnet, darf der Betrachter entscheiden. Martin Liebig erklärt nicht viel, auch wenn man das von ihm als Religionslehrer vielleicht erwarten könnte. Er möchte die Krippe für sich sprechen lassen. Es berührt ihn besonders, die Kinder zu beobachten, die vor der Krippe stehen bleiben, oft sehr lange. „Manchmal strahlen sie richtig. - Dabei läuft hier so gut wie gar nichts mit Technik, nirgends blinken bunte Lichter ...“

Gemeinsame Suche führte zum Erfolg
Die Artgenossen des Schafs, das vor Maria im Stall steht, halten sich in diesem Jahr alle auf dem freien Feld auf, in der Nähe ihrer  Hirten. Die Anordnung der Schafe wird vor allem die Gemeindemitglieder aufmerken lassen, die mitbekommen hatten, dass für eines der Krippenschafe kürzlich eine Vermisstmeldung ergangen war. Bereits vor dem Schöpfungsgottesdienst Anfang Oktober war eine Reihe von Plüsch- und Krippentieren im Kirchenraum platziert worden. Wie in einer Karawane hatten sich die Tiere nach und nach auf den Standort der Krippe zubewegt. Nach dem Gottesdienst fehlte eines der wertvollen Schafe. „Das hat uns sehr bekümmert“, erinnert sich Jacqueline Liebig. „Doch erst, nachdem wir anderen in der Gemeinde von dem verlorenen Schaf erzählten und uns gemeinsam auf die Suche begaben, fand sich das Tier wieder an – pünktlich zum Weihnachtsfest.“

Krippenfiguren in neuen Gewändern
„Mir ist diese Krippe im Laufe der Jahre sehr ans Herz gewachsen“, sagt Ursula Wollmann-Rosner. Die ehemalige Erzieherin beeindruckt besonders die Ausdrucksstärke der Figuren von Rudolf Heltzel, der auch die Krippe der Kirche Regina Maria Martyrum geschaffen hat, bekannt vor allem für die dort verewigten christlichen Widerstandskämpfer gegen die Nazis. „In vielen Krippen sind Maria und Josef so dargestellt, als seien sie schon von vornherein heilig gewesen. Schaut man unsere Figuren an, dann glaubt man, dass sie wirklich von Nazareth nach Betlehem gelaufen sind.“ Aus den Erzählungen ihrer Mutter, die mit den älteren Geschwistern aus dem schlesischen Neiße Richtung Westen fliehen musste, hat sie eine Ahnung, was es bedeutet, lange unterwegs und ohne Herberge zu sein.

ZUR SACHE
Der Künstler der Krippe
Rudolf Heltzel zog als Vierjähriger mit seiner Mutter aus Böhmen nach Berlin um. Bekannt wurde er durch seine Aquarelle brandenburgischer Landschaftsmotive. Als Bildhauer schuf er vor allem Kreuzwege, Krippen und Heiligenfiguren. Zu den bekannten sakralen Werken zählz die Schutzmantelmadonna in der Kapelle des Christian-Schreiber-Hauses in Alt-Buchhorst. (tdh)

Die Verbundenheit zur Krippe von St. Wilhelm ist noch stärker geworden, seit sie etliche Figuren vor zwei Jahren neu eingekleidet hat. „An diesen Job bin ich gekommen, weil ich darüber gemeckert hatte, dass sie nicht mehr schön aussahen“, erzählt sie mit einem Schmunzeln. Zunächst hatte sie lediglich vor, die unansehnlich gewordenen Kostüme zu waschen, doch dann zeigte sich, dass manche Stoffe brüchig geworden waren.
Nach und nach nähte sie neue Gewänder für drei Könige, einen Hirten, Maria und das Kind. Sie fertigte neues Gepäck für das Kamel, bastelte eine Futterkrippe und reparierte das Gewand des heiligen Josef. Jetzt freut sie sich darauf, an Weihnachten alles wieder auf sich wirken zu lassen, als wäre es das erste Mal.

Von Dorothee Wanzek