04.03.2021

Buch zum konfessionellen Bildungswesen in der DDR

Bildung im Schutzraum der Kirchen

Anders als viele vermuten, war auch die Bildungslandschaft in der DDR kein monolithisches Gebilde. Ein in Leipzig erschienenes Buch beleuchtet das.


Uwe Grelak, Peer Pasternack: Parallelwelt. Konfessionelles Bildungswesen in der DDR. Handbuch; Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2020; ISBN: 978-3-374-06045-0; Preis: 98 Euro

Trotz Dominanz des „einheitlichen sozialistischen Bildungssystems“ mit seiner scharfen Ablehnung der Religion existierte eine erstaunlich vielfältige kirchliche Szene, die einen eigenständigen Bildungskosmos eröffnete. Der Aufgabe, diese „Parallelwelt“ – so der treffend gewählte Titel der Darstellung – in einem „Handbuch“ zu dokumentieren, widmen sich die Herausgeber Uwe Grelak und Peer Pasternack auf 700 Seiten.
Diese den Sozialismus nach 1989 oft überdauernde Bildungslandschaft reichte von der Elementarbildung in Kindergärten und -heimen über Vorseminare, Berufsausbildungen, Studentengemeinden, Kirchliche Hochschulen bis zu Filmdiensten und Evangelischen Akademien: Existierten 1949, im Gründungsjahr der DDR, 141 konfessionelle Einrichtungen, gab es am Ende 205. „Dieses Kernsegment des konfessionell gebundenen Bildungswesens“, erläutern Grelak und Pasternack, „hatte also über die vier DDR-Jahrzehnte hin ein Wachstum um 45 Prozent erfahren.“
Indem die Autoren in ihrer sorgfältig gearbeiteten Darstellung „eine möglichst vollständige Dokumentation des konfessionell gebundenen Bildungswesens in der DDR“ bieten, machen sie zugleich auf das gesellschaftspolitische Potenzial aufmerksam, das sich in dieser „Parallelwelt“ anreichern und entfalten konnte. Trotz vielfältiger Formen von Christenverfolgung, Diskriminierung und ideologischer Bevormundung stellte das konfessionelle Bildungswesen damit Ressourcen zur Verfügung, die es Untertanen erlaubte, zu Bürgerinnen und Bürgern heranzuwachsen. „Angebote“ der Kirchen stärkten die Zivilgesellschaft; sie eröffneten einen Raum, um widerständiges, am Ideal christlicher Freiheit orientiertes Handeln einzuüben.
Auch der Rezensent kam nach zehn Jahren DDR-Schule in den Genuss alternativer Bildung: durch sein Abitur im Magdeburger „Norbertuswerk“. Zutreffend notiert das „Handbuch“: „Letztendlich war es ein nach westdeutschem Muster ausgerichtetes Humanistisches Abitur … Dabei kam bis zum Schluss westdeutsches Schul- und Lehrmaterial zum Einsatz.“ So entstand das „Kuriosum“ eines zwar in der Bundesrepublik, aber nicht in der DDR anerkannten gymnasialen Abschlusses; das änderte sich erst 1990 nach den Gesetzesreformen der frei gewählten Volkskammer.

Thomas Brose

 

Kommentare

Von 1950 bis 1954 besuchte ich die Schiller-Oberschule in Weimar.Unter unseren Lehrern gab es zwei "Rote". Die Geschichtslehrerin, Frau von Hallervorden, war eine überaus gebildete Edelkommunistin. In ihrem schwarzen Kostüm und streng gekämmten Dutt vermittelte sie uns ein breites Geschichtsverständnis der Klassengesellschaft. Auch dass ich das Silberkreuz der katholischen Jugend trug, konnte sie tollerieren. Unser Schulleiter war ein strammer Genosse und verlangte Fakten, Fakten und wiederum Fakten. Nach dem Abitur lernte ich im Mähdrescherwerk Weimar Maschinenschlosser. Wir waren ca. 300 Lahrlinge mit eigener Berufsschule. Hier erlebte ich die DDR mit ihrer aggressiv-politischen Seite. Jeder Tag begann mit Morgenappell und einem Lied der Arbeiterbewegung. Samstag Zeitungsschau, sowie regelmäßige FDJ-Versammlungen, Demonstrationen und Solidaritätsaktionen. Für mich wurden die zwei Jahre dann erträglicher, weil ich ich zum Freiwilligen Helfer der Volkspolizei ernannt wurde, um den Werkschutz zu verstärken. Die DDR hatte viele Gesichter, wobei aber der ideologische Druck mit jedem Jahr stärker wurde. In den 60er und 70er Jahren wurde die Werbung für die NVA, für antiwestliche Aktionen und Spitzeldienste rasant ausgebaut.