21.07.2022

Die Kleinen Schwestern Jesu verlassen die Hauptstadt

Berlin blieb nicht unberührt

Mit ihrer Gemeinschaft in Berlin präsent zu sein, war der Gründerin der Kleinen Schwestern Jesu, Magdeleine Hutin (1898–1989), ein Herzensanliegen. Dennoch mussten die Schwestern ihre Berliner Niederlassung aufgeben.

Die Kleinen Schwestern Gertrud Veronika und Ulrike mit Fotos und Erinnerungen an ihre Freunde in Berlin.    Foto: Dorothee Wanzek

 

Die Risse und Brüche dieser Welt zogen die Kleine Schwester Magdeleine von Jesus besonders an.  Dort wollte sie Gott suchen und  zur Heilung beitragen. Seit den 50er Jahren führten viele ihrer Wohnmobil-Reisen sie hinter den Eisernen Vorhang. Oft machte sie im geteilten Berlin Station, knüpfte Kontakte, gründete zuerst im Westteil der Stadt eine Niederlassung der Kleinen Schwestern Jesu und übernahm verschiedene Vorstöße, auch im Ostteil eine Gemeinschaft anzusiedeln.
Dass sie sich gerade um die Deutschen so sehr bemühte und nicht verbittert auf Distanz blieb, mag manchen überraschen, der sich mit der Lebensgeschichte der Französin befasst. Im Ersten Weltkrieg hatte sie fast ihre komplette Familie verloren; die geliebte Großmutter war von Deutschen erschossen worden...
In Westberlin lebten die Schwestern vor allem als Brückenbauerinnen zwischen den Kulturen, erzählt Gertrud Wiedmann. Kleine Schwester Gertrud Veronika – so heißt sie mit Ordensnamen – stammt aus Württemberg und kam 1986 nach Berlin. Die Gemeinschaft lebte in einem sozialen Brennpunkt des Arbeiterviertels Wedding, in Nachbarschaft mit Griechen, Jugoslawen und Türken. Sie erinnert sich, wie sie eine alte Badewanne bepflanzten, um den heruntergekommenen Hinterhof zu verschönern. Gerne denkt sie auch an die Feste im Hof zurück, der immer mehr zum Lebensort für alle Nachbarn wurde. In ihrer Wohnung blieb der Schlüssel von außen stecken. Kinder gingen hier ein und aus, für Menschen mit unterschiedlichsten Problemen hatten die Schwestern ein offenes Ohr.
Kleine Schwester Ulrike (Hannak) ist 1982 in die gerade entstehende Gemeinschaft in Ostberlin eingetreten. Die Verbindung mit den Schwestern im Westen war eng. Als Novizin, die den Lebensstil und die Spiritualität der Kleinen Schwestern Jesu intensiv kennenlernen wollte, war die Dresdnerin auf erfahrene Schwestern angewiesen. Da Ausländer eine halbjährliche Aufenthaltsgenehmigung bekamen, wechselten sich Westeuropäerinnen ab, den vier jungen Frauen aus der DDR zur Seite zu stehen, die Anfang der 80er Jahre an der Josefskirche in Weißensee ihr Ordensleben begannen. Zudem kam einmal pro Woche mit Tagesvisum Besuch aus der Westberliner Gemeinschaft. „Sie gehörten zu uns“, sagt Gertrud Veronika, „und sie brachten eine Frische in unser Miteinander, die uns gut tat.“
Die Gemeinschaft mit den Westberlinerinnen war für Ulrike eine gute Vorbereitung auf die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1989. „Es ist gut, dass wir nicht mit einem unrealistischen Traum vom Westen aufgewachsen sind“, findet sie. „Wir wussten, dass dort nicht alles Gold ist, was glänzt. Und mir war schnell klar, dass wir alle in Ost und West mit Veränderungen klarkommen müssen, weil die Zeit nicht stehen bleibt.“ Zu ihrem differenzierten Bild des Westens trug unter anderem die bei den Kleinen Schwestern übliche „Revision“ bei, ein Wochenrückblick, bei dem nicht nur schöne Erlebnisse, sondern auch Konflikte zur Sprache kommen. „Wir haben das oft gemeinsam gemacht“, erinnert sich Schwester Ulrike, „und wir haben miteinander nach Wegen gesucht,  unsere Berufung zu leben“.

Gott scheint durch die eigene Armseligkeit
Zur Lebensform der Schwestern in Ost wie West gehörte es, das Leben einfacher Arbeiter zu teilen. Gertrud, die vor ihrem Ordenseintritt Lehrerin war, arbeitete ebenso wie die gelernte Krankenschester Ulrike in Berlin am Fließband und als Putzfrau. Das Evangelium nicht durch Predigen verkünden, sondern es „durch die Armseligkeit des eigenen Lebens“ durchscheinen lassen, ist Kern der Spiritualität der Kleinen Schwestern. Über ihren Glauben reden sie nur, wenn die Situation es ergibt. In der DDR waren die Schwestern noch vorsichtiger, vor allem aus Sorge vor Überwachung durch die Stasi und daraus folgenden Sanktionen für die gesamte Gemeinschaft.
Während Ulrike in einer Firma Miniaturloks zusammenbaute, berührten sie Kolleginnen auf ihrem Weg in die Pause manchmal wie zufällig an der Schulter. „Ist es nicht so, als würden sie, ohne es zu wissen, mit dieser Geste Gott selbst berühren?“, ging ihr dann durch den Kopf, und sie bat Gott, so durchlässig zu werden, dass die Kollegen von ihm berührt werden. Als sie einmal Selbstzweifel plagten, ob sie mit ihrem Dasein überhaupt irgendetwas bewirkt, betete sie um eine Gelegenheit, bei ihrer Arbeit einmal etwas über Gott und ihr Leben sagen zu können. Kurz darauf kam im Westfernsehen eine Sendung über Charles de Foucauld, zu dessen Ordensfamilie die Kleinen Schwestern gehören. Seinem Bild Gottes, der anders und größer ist als alle Vorstellungen und Konfessionen, fühlen sie sich nahe.
Die Ostberlinerinnen borgten sich bei Nachbarn einen Fernseher, um den Beitrag mitverfolgen zu können. Es wurden auch Kleine Schwestern gezeigt, die in einem römischen Armenviertel lebten und andere, die im Petersdom ihre Ordensgelübde ablegten. Kurz darauf sprach eine Arbeitskollegin Ulrike an: „Ich habe gestern einen Film über Charles de Foucauld und die Kleinen Schwestern gesehen  und dabei an dich gedacht...“ Mit den Worten „Na, Kleine Schwester Ulrike!“ begann ein Gespräch, in dem beide Frauen sich über ihre Lebensgeschichten austauschten. Es bestärkte Ulrike von neuem in ihrer Zuversicht: „Wenn ich mit meiner Armseligkeit einfach da bin, dürfen andere manchmal etwas von Gott spüren“.  
Sowohl Ulrike als auch Gertrud lebten in der Nachwendezeit vorübergehend in anderen Niederlassungen ihrer Gemeinschaft. Gertrud kehrte Ende 1991 für vier Jahre zurück nach Berlin, Ulrike 1995. Sie spürten nach ihrer Rückkehr, dass es noch große Gegensätze zwischen Ost und Westberlin gab. Ulrike wohnte nun in Westberlin, arbeitete aber bei McDonald‘s in Ostberlin. „Ich habe die Spannungen und den Frust auf beiden Seiten gespürt und konnte nichts tun als es einfach auszuhalten“, sagt sie rückblickend. Manchmal, wenn über „die aus dem Osten“ geschimpft wurde, hakte sie ein: „Übrigens, ich bin auch von da!“  
Gertrud Veronika ist es bis heute wichtig, einfach zu zuhören, besonders den Menschen im Osten: „Im Westen wissen wir zu wenig darüber, welch große Veränderungen ehemalige DDR-Bürger erleben mussten. So viele haben ihre Arbeit verloren und fühlten ihr ganzes Leben entwertet.“
Einige Mitschwestern haben sich um die Jahrtausendwende herum in noch radikalerer Weise den Menschen auf der Verliererseite zugewandt. Zwei haben für ein Jahr in einer von Punkern errichteten Wagenburg gelebt. Zehn Jahre später haben vier Schwestern in einem Wohnwagen des Kinderzirkus Cabuwazi gewohnt, erst am Ostbahnhof, dann am Tempelhofer Feld.
Die Schwestern sicherten ihren Lebensunterhalt mit kleinen Jobs, waren aber die meiste Zeit auf der Straße und in Notunterkünften unterwegs und suchten die Freundschaft mit Obdachlosen. „Diese Menschen verstehen schnell, dass Gott hinter unserem Engagement steht“, hat Kleine Schwester Gertrud beobachtet. Ihr Leben zu teilen, erfordere eine spezielle Berufung und bedeute eine Gratwanderung. „Man läuft dabei Gefahr, sich zu verlieren“, sagt sie.  

Vergangenes ist nicht verloren
„Der Abschied ist den drei Schwestern, die dort zuletzt lebten, sehr schwergefallen“, weiß Gertrud, die seit zwei Jahren mit anderen älteren Schwestern in dem beschaulichen thüringischen Dorf Gräfentonna lebt. Die Gemeinschaft hat sich entschlossen, einen guten Abschluss zu finden und zu gestalten, der gleichzeitig auch das Wirken der Kleinen Schwestern Jesu in Berlin besiegeln sollte.
Auch Schwester Gertrud hat Abschied genommen von allen Berliner Wirkungsstätten der Schwestern. „Häng dich nicht an Vergangenes“, sagte sie sich dabei. Eine Aufgabe beenden die  Kleinen Schwestern mit einer „Relecture“, einer Sabbatzeit des Betens, in der die Bereitschaft für Neues wachsen kann.
Dass das Vergangene nicht verloren ist, sondern auf zuweilen ungeahnten Wegen nachwirkt, ist Gertrud während der Abschlussmesse in der Kreuzberger St.-Michaels-Kirche deutlich geworden. Beim Friedensgruß entdeckte sie ihren ehemaligen türkischen Nachbarn Murat aus dem Wedding. Sie hatte ihn lange nicht gesehen, nachdem ihr damaliges sanierungsbedürftiges Wohnviertel leergezogen worden war.
Aus dem Jugendlichen war ein gestandener Mann und Familienvater geworden. Die verstreut lebenden alten Freunde „seiner“ Schwestern zu suchen und nach Kreuzberg einzuladen, war für ihn Ehrensache.

Von Dorothee Wanzek