05.03.2020

Wiedergründung des Bistums Meißen

Exot in der Diaspora

„Wege Gestalten Profile. Katholische Kirche in der sächsischen Diaspora“ ist eine kirchengeschichtliche Fachtagung in Dresden überschrieben. Sie bildet den Auftakt der Erinnerung an die Wiedergründung des Bistums Meißen im Jahre 1921. Ein Interview mit Professor Gerhard Poppe aus dem Organisationsteam.

Dem großen Fest im kommenden Jahr geht die historische Auseinandersetzung voraus. Was erhoffen Sie sich?
 

Das Jubiläum kann ein Anlass zum Innehalten und zur Besinnung sein. Der Dresdner Domkapitular Bernhard Dittrich sagte während der Vorbereitungen, die Besinnung auf Dinge, wie sie gewesen sind, sei ein zutiefst „geistliches Tun“. Die Geschichte der katholischen Kirche in Sachsen ist ein hochinteressantes, aber in weiten Teilen vernachlässigtes Arbeitsfeld – jedenfalls im Vergleich zu den weitaus umfassenderen Forschungen zur Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirche.

Der Musikwissenschaftler Gerhard Poppe bereitet die Tagung zur Bistumsgeschichte mit vor und gehört mit einem Beitrag über das Leipziger Gesangbuch von 1724 selbst zu den Referenten.

Andererseits gibt es in Sachsen eine sehr agile regionalgeschichtliche Forschung. Deshalb sehe ich eine große Chance in der Zusammenarbeit mit dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde. Wir stoßen zu Themen vor, die bisher weder von der traditionellen Kirchengeschichte noch von der landesgeschichtlichen Forschung berücksichtigt worden sind. Ich erhoffe mir einen fruchtbaren Austausch zwischen Historikern, die zum Teil auf sehr unterschiedliche Quellen zurückgreifen konnten. 
 

Bietet die Tagung auch für Nicht-Historiker Interessantes?
 

Ausdrücklich: Ja. Die Wurzeln dessen zu kennen, was wir heute vorfinden, ist nicht nur für Historiker wertvoll. Auseinandersetzung mit der Vergangenheit beinhaltet ja immer auch eine Deutung des Geschehens. Dass auch die Deutung einer Entwicklung unterliegt, kommt unter anderem in der Arbeit von Anna Mirtschin über Alojs Andritzki zum Ausdruck oder in Thomas Pittroffs literaturwissenschaftlicher Auseinandersetzung mit den seinerzeit sehr populären historischen Romanen des Priesterdichters Johannes Derksen. 
 

Zur Eröffnung der Tagung werden der Erfurter Altbischof Joachim Wanke und der Dresdner Domkapitular Bernhard Dittrich über Besonderheiten des Bistums Meißen sprechen. „Ein Exot unter den deutschen Diasporabistümern?“ steht als Frage über ihrem Beitrag. Wie exotisch ist denn das Bistum?
 

Es gab und gibt jede Menge Besonderheiten. Dazu gehören die Sorben, das Weiterleben der Apostolischen Administratur in Bautzen, das katholische Königshaus (das in seiner Spätzeit mit den Prinzen Max und Georg von Sachsen zwei bemerkenswerte Priestergestalten hervorbrachte), aber auch die unterschiedlichen parallelen Entwicklungen in der Lausitz und in den Erblanden.
 

Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie die Themen ausgewählt?

Das Hauptkriterium war, dass wir uns bei der Tagung wenig oder gar nicht bearbeiteten Forschungsfeldern zuwenden wollen. Im Großen und Ganzen ist das auch wirklich gelungen. Zu wichtigen Themen wie zum Beispiel der Meißner Synode gibt es keine Vorträge, weil dazu bereits gute Publikationen vorliegen. Zugegeben: Manches in der Entstehung eines derartigen Tagungsprogramms hängt von Zufällen ab und nicht zuletzt auch von der Frage, für welche Themen sich geeignete Referenten finden, die auch die erforderliche Zeit zur Verfügung haben. Wir hoffen, dass wir Diskussionen anstoßen können und weitere Forscher motivieren können, sich künftig mit Themen der katholischen Kirchengeschichte Sachsens zu beschäftigen.
 

Welche Themen würden Sie gerne noch „beackert“ wissen?
 

Zum Beispiel fehlt eine moderne Biografie des Bischofs Christian Schreiber, die sowohl seine Zeit als Regens in Fulda als auch seine Meißner und Berliner Zeit berücksichtigt.  Ein anderes interessantes Thema wäre auch der Deutschkatholizismus der 1840er Jahre in Leipzig, in der Zeit, als die alte Trinitatiskirche gebaut wurde. Aber wer sich mit der Geschichte des Bistums beschäftigt, bekommt schnell eine längere „Wunschliste“ zusammen.
 

Auf welchen Tagungs-Beitrag freuen Sie sich besonders?
 

Einzelne Themen und Referenten hervorzuheben, fällt schwer. Ich nenne trotzdem drei Beispiele: Eine der bedeutenden Persönlichkeiten, die auf neue Weise ins Licht gerückt werden, ist der Jurist und Oratorianer Dr. Werner Becker (1904-1981), einer der besten Newman-Kenner seiner Generation, der mit seinen Kontakten auch dafür gesorgt hat, dass in der DDR wichtige theologische Werke im Leipziger St. Benno Verlag nachgedruckt werden konnten. Zu den interessanten Referenten gehört der Freiburger Bistumsarchivar Christoph Schmider, der in seinen Beitrag über den ehemaligen Meißner Bischof Conrad Gröber auch die aktuelle Freiburger Diskussion über Gröbers Rolle im Nationalsozialismus einbringen wird. Komplett überraschen lassen werde ich mich vom Vortrag des Erfurter Historikers Jörg Seiler über eine Glaubensumfrage in den Dresdner Pfarreien aus dem Jahr 1973. Das Thema war sein Angebot, weil er Zugang zu dem Archivmaterial hat. Bevor wir die Tagung planten, wusste ich nicht einmal von der Existenz einer solchen Umfrage.
 

Während den katholischen Sorben mehrere Programmbeiträge eingeräumt werden, findet der ostthüringische Teil des Bistums keine ausdrückliche Erwähnung!?
 

Dass der Thüringer Teil unseres Bistums zu kurz kommt, ist uns bewusst. Anderseits erschien vor ein paar Jahren eine Dissertation über Katholiken in den Thüringer Kleinstaaten. Darüber hinaus gibt es Überlegungen, einen eigenen kleinen Studientag über die Geschichte dieses Bistumsteils vorzubereiten.

Die Tagung findet vom 26. bis 28. März im Dresdner Haus der Kirche, Hauptstraße 23 statt. Anmeldung bis 20. März.

Fragen: Dorothee Wanzek