26.10.2022

Orgeln in der Region Leipzig und alle Silbermannorgeln werden besucht

Kinder für Orgeln begeistern

Seit zehn Jahren laden die Kirchenmusikerin Annette Herr und die Schauspielerin Maja Chrenko Kinder in evangelische und katholische Kirchen ein. Für viele Grundschüler ist es der erste Kontakt mit Orgeln – und mit Kirche.

Annette Herr mit einer Schülergruppe an der Röthaer Silbermannorgel.

„Tönehaus“ heißt das Theaterstück, das Annette Herr gemeinsam mit Maja Chrenko im Oktober vor zehn Jahren zum ersten Mal aufgeführt hat. Entwickelt hatten die beiden das Stück mit dem Autor und Komponisten Albrecht Wagner. „Ich war neu als Kirchenmusikerin in Leipzig und wollte Kinder für die Orgel begeistern“, erinnert sich Annette Herr. Da es damals nur wenige geeignete Orgelstücke gab, erarbeiteten sie zu dritt ein eigenes Orgelmusik-Theaterstück, zu dem sie Grundschulklassen einladen. In der Geschichte, die sich Albrecht Wagner ausgedacht hat, geht es um einen Ton, der es langweilig findet, allein zu musizieren. Er bittet deshalb ­seinen Freund, den sächsischen Orgelbaumeister Johann Gottfried Silbermann, ihm ein „Tönehaus“ für die Musik der ganzen Welt zu bauen.

Die Orgelmusik ist in die Erzählung eingebunden – mit Motiven der Musikgeschichte vom Frühbarock bis zur Moderne und Improvisation. Die Kinder erleben die Klangvielfalt einer Orgel, die mal wie eine Flöte oder Posaune, mal wie ein Vogel oder wie Nebel klingt. Auch die Kinder sind im Dialog mit der Schauspielerin und der Organistin in das Stück einbezogen. Sie tragen ihre Wünsche und Ideen zur Erzählung bei und singen mehrere Lieder.

Das Instrument bringt Kinder zum Staunen

Während sie dem „kleinen Ton“ und der Gottfried-Silbermann-Darstellerin lauschen, lernen sie fast nebenbei, dass die Orgel vor über 2000 Jahren von Ktesibios im alten Griechenland erfunden wurde und dass es Orgeln gibt, die schon seit über 500 Jahren erklingen. Vom Vergleich mit der Lebensdauer eines Handys sind die Kinder oft beeindruckt, genau wie von einem anderen Vergleich: Die größten Orgeln der Welt haben mehr Pfeifen als ein Menschenleben Tage hat. Neben den imponierenden Zahlen nehmen sie mit eigenen Augen und Ohren die Schönheit und Pracht der Orgel als „Königin der Instrumente“ wahr. Die Grundschulklassen, die der Einladung ins „Tönehaus“ folgen, unternehmen einen Ausflug in die Kirche, die ihrer Schule am nächsten liegt – sei sie evangelisch wie die Leipziger Michaeliskirche, in der im Oktober 2012 die Premiere stattfand oder katholisch wie die Propsteikirche.

Gerade Kinder, die zuvor keinen Kontakt zur Kirche hatten, sehen bei diesem Schulausflug oft zum ersten mal eine Orgel. Das Stück ist ein „fächerübergreifend ganzheitliches Unterrichtsangebot“ auch für Musik, Deutsch, Mathe, Sach- und Heimatkunde. Annette Herr hält es für wichtig, alle Kinder mit der Orgel bekannt zu machen: „Schließlich ist die Orgel nicht beschränkt auf eine konfessions- und religionsgebundene liturgische Begleitfunktion, sondern gehört mit ihrer Fülle kreativer Kompositionen aus allen Stilepochen zu unserer Kulturgeschichte“, erläutert sie.  

Schulen, die das „Tönehaus“  schon einmal besucht haben, kommen nach vier Jahren wieder, denn dann besuchen andere Kinder diese Grundschule. Im Winterhalbjahr pausiert das Projekt, weil viele Kirchen sonst eigens beheizt werden müssten. Außerhalb von Leipzig war das „Tönehaus“ schon an mehreren Orgeln zu Gast, die Gottfried Silbermann persönlich gebaut hat - im Rahmen der Silbermanntage 2021 in Freiberg und jüngst zum zehnjährigen Jubiläum in Rötha.

Annette Herr hat vor zehn Jahren mit ihrer persönlichen Begeisterung für die Orgel auch Maja Chrenko und Albrecht Wagner angesteckt, die nach wie vor auch eigene Kinder- und Erwachsenen-Theaterstücken spielen. Seitdem haben sie zu dritt viele Kinder mit dem „Tönehaus“ begeistert.
Ansteckende Leidenschaft

Nachdem Annette Herr als Kind Violin- und Klavierunterricht erhalten hatte, begann sie als Jugendliche mit dem Orgelspiel: Sie wollte sich damit in ihrer Kirchengemeinde einzubringen. „So wurden mir als Jugendlicher die Gottesdienste nicht langweilig und ich konnte mir sogar Taschengeld verdienen“, erzählt sie. Bald war sie in der ganzen Stadt in katholischen und evangelischen Kirchen unterwegs, spielte Violine im Orchester und sang im Chor. Später finanzierte sie sich einen Teil ihres Studiums durch die Musik. „Die Orgel ist einfach faszinierend“, findet sie. Als Musikschullehrerin unterrichtet sie sowohl Violine als auch Klavier und Orgel ab dem Grundschulalter und gibt dabei ihre Musik-Leidenschaft an Kinder, Jugendliche und Erwachsene weiter.

Ruth Weinhold-Heße