14.02.2020

Anstoß 7/2020

Keine Angst vorm Zeitgeist

Deutschlands wohl jüngster Theologieprofessor wurde, als er seinen Bibliotheksausweis beantragte, gefragt, ob er wissenschaftliche Hilfskraft oder Assistent sei. Das hat ihn amüsiert, aber auch ein wenig nachdenklich gemacht.

Als Theologen fiel ihm auch der richtige Bibelvers dazu ein: „Unsere Tage zu zählen lehre uns, dann gewinnen wir ein weises Herz.“
Die Bibliotheksmitarbeiter haben in den letzten Wochen ein spannendes Buch vom jungen Dogmatiker Seewald in ihre Regale gestellt: „Reform – Dieselbe Kirche anders denken“. Hier traut er sich, der altwürdigen Institution Kirche einiges mit auf den Weg zu geben. Denn die Kirche ist im Unterschied zum Schöpfer nicht allwissend und perfekt.
Der spürbare Reformwille in der Kirche ist ein Zeichen gesteigerter Sensibilität für Missstände und, was vielleicht noch wichtiger ist, er fördert ein religiös lebendiges Interesse, diese Missstände zu beseitigen. Das ist kein leichter, aber durchaus geistlicher Prozess und man darf optimistisch sein, dass er dem heiligen Geist viele Landeplätze verschafft.
Wenn Seewald – nicht nur in der Kirche – hört, etwas sei „schon immer so“ gewesen, ist er skeptisch. Meist sind solche Behauptungen falsch. Doch selbst dort, wo sie stimmen, darf man durchaus die Frage stellen, warum daraus folgen sollte, dass etwas auch künftig so bleiben müsse.
Beim Vorwurf „man hechle ja nur dem Zeitgeist hinterher“, bleibt Seewald entspannt. Denn der Zeitgeist an sich ist weder gut noch schlecht, sondern ein ziemlich nichtssagender Begriff. Daher kommt es darauf an, dass man gute Argumente aufbietet für das, was man vertritt.
Diese Argumente sind wichtiger als Autorität und Lautstärke. Das klingt trivial, wäre aber – gemessen an dem Niveau, auf dem heute oft diskutiert wird – ein gigantischer Fortschritt. Passiert diese offene Auseinandersetzung nicht, verabschiedet sich Kirche gar von zeitgenössischen Fragen, wird Kirche die Gegenwart nur noch als unter den Völkern verstreutes Freilichtmuseum bereichern. Das hat dann mit dem Anspruch, Salz der Erde zu sein, nichts mehr gemein.

Guido Erbrich, Magdeburg