29.11.2018

Demenz-Erkrankung

Zusammen sind wir in der Realität

1,7 Millionen Menschen in Deutschland leiden an Demenz. Eine von ihnen ist Lore Banet. Kabarettist Heinrich Banet betreut seine kranke Frau mit Hilfe der Caritas-Tagespflege im Bischof-Weskamm-Haus in Magdeburg.

Wenn Lore Banet, die an Demenz leidet, mit ihrem Mann Heinrich zusammen ist, lebt sie in der Realität. Dann sind beide ein bisschen glücklich. | Foto: Bernadette Olma

„Mitten im Satz hat sie plötzlich aufgehört zu sprechen.“ Heinrich Banet erinnert sich noch gut daran, als seine Frau Lore vor etwa sechs Jahren plötzlich anfing, das Sprechen zu verlieren „Wir waren von einer Reise zurückgekehrt, da wollte sie den Nachbarn erzählen, was wir erlebt hatten.“ Abrupt sei das Gespräch zu Ende gewesen, ganz plötzlich eine Leere entstanden, die sich bis heute um ein deutliches vervielfacht hat.
Lore Banet ist eine von rund 1,7 Millionen Menschen mit Demenz, die in Deutschland leben. Die meisten von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen – sie auch. Jahr für Jahr treten mehr als 300 000 Neuerkrankungen auf. „So viele sind betroffen und trotzdem fragst du dich: Warum gerade sie?“ Für den Magdeburger Schauspieler und Kabarettisten Heinrich Banet, den viele noch von den „Kugelblitzen“ kennen, bleibt die Frage, bleibt die Hilflosigkeit.
Verständnis und Unterstützung findet er in der Tagespflege „Schöne LebensZeit“, die Teil des Bischof-Weskamm-Hauses im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld ist. Auf dem Gelände der Klinik St. Marienstift findet man die Einrichtung, die zur Caritas-Trägergesellschaft St. Mauritius gehört. „Ich bin froh, dass es dieses Haus gibt“, sagt der 78-jährige Banet. „Ich bewundere alle, die hier arbeiten für ihre Liebe, ihre Geduld und den Respekt, mit dem sie tagtäglich den Menschen begegnen.“
 
Pflegender zu sein, ist große Herausforderung
In den Morgenstunden und am Abend kümmert er sich um seine Lore. Nach dem Aufstehen duscht er seine Frau und nach der übrigen Morgenhygiene hilft er ihr beim Ankleiden, um die 77-Jährige in die Tagespflege zu fahren. „Das besondere hier ist, dass es ein ganz offenes Haus ist. Ich habe andere Einrichtungen gesehen, wo die Menschen hinter verschlossenen Türen sind. Hier stehen die Türen für jeden offen.“
Wenn der Schauspieler spricht, dann tut er dies heute mit leiser Stimme. Nur wenn es ihn überkommt, er seiner Verzweiflung Ausdruck verleiht, dann steigt das Volumen und man hört das geschulte Organ heraus. „Ich versuche die Rolle des Pflegenden so gut wie nur möglich zu gestalten“, sagt er. „Das ist eine große Herausforderung und verlangt viel Disziplin, was nicht immer gelingt.“
Um seine Frau nicht zu erschrecken, sie nicht zu überfordern, versucht er, sich in ihre Situation zu versetzen. Mit ihr zu kommunizieren, ohne Worte, geht nur über Gefühle, Gesten und Mimik. „Wenn sie mit mir zusammen ist, dann ist sie in der Realität, ist bei mir, meine Frau.“ Er fährt viel Auto mit ihr, sie beobachtet und macht aufmerksam auf das, was sie sieht. Im Restaurant ist sie freundlich zu jedem und im Fernsehen schauen sie gemeinsam Musiksendungen. „Musik ist, was sie interessiert, was sie scheinbar auch wahrnimmt.“
Auch in der Tagespflege wird viel gesungen. Das kulturelle Angebot ist sehr vielfältig und niveauvoll. „Es wird vorgelesen, musiziert, es gibt Theateraufführungen, Klavierkonzerte, Tanznachmittage.“ Aber auch in die täglichen Aufgaben werden die 22 demenziell Erkrankten einbezogen: „Lore betätigt sich beim Backen, spült Geschirr oder hilft bei den Bürotätigkeiten. Das hat sie früher nicht so gern gemacht.“ Er lacht. Dann laufen ihm wieder die Tränen über die Wangen. „Sie scheint ein anderer Mensch zu sein. Aber wenn wir gemeinsam auf unserem Sofa sitzen, ist es wie in früheren Zeiten, sie streichelt mich, es gibt Küsschen – dann lächelt sie, und wir sind glücklich.“ Wie es mit seiner Lore weitergeht? Es bleibt ein Abenteuer und darauf lässt er sich immer wieder ein. „Wir schaffen das.“
 
Gelegenheit, sich in der Tagespflege umzusehen
In diesem Jahr feiert die Tagespflege „Schöne LebensZeit“ ihr 15-jähriges Bestehen. Am 5. Dezember kann man sich in der Zeit von 10 bis 17 Uhr in dem Haus an der Klinik St. Marienstift umsehen.
 
Von Bernadette Olma