24.05.2018

Anstoss 21/2018

Seltsame Heilige?!

Sie hatten noch nie von ihr gehört. Obwohl sie immerhin die ältestbekannte Bürgerin ihrer Stadt ist. Ein Platz ist nach ihr benannt, ein Verein widmet sich ihrem Andenken, eine Pfarrei hat sich unter ihr Patronat gestellt.


Und trotzdem, ehe sie ihr Stück schrieben, hatten sie noch nie von ihr gehört: Jutta von Sangerhausen, „heilige“ Jutta sogar.
In Sangerhausen erinnern die Jutta-Tage seit gut zehn Jahren Anfang Mai an diese Zeitgenossin der heiligen Elisabeth und der Mystikerinnen von Helfta. Die Theatergruppe des Gymnasiums hatte es übernommen, in diesem Jahr Juttas Geschichte zu erzählen. Das Stück wollten sie selbst schreiben und mussten sich erst einmal kundig machen: Wer war Jutta? Wie hat sie gelebt? Was hat sie angetrieben? Warum heilig?
Es entstand ein Bänkellied, passend zu Juttas Lebenszeit im 13. Jahrhundert. Eine Form, die zudem etwas Distanz erlaubt: mal augenzwinkernd, mal mit einem Fragezeichen angesichts einer so anderen Lebensweise. Ich vermute, dass manche Züge der Heiligen den Jugendlichen in ihrer Lebenswelt recht fern sind: gern und oft zur Kirche gehen, nach Gott fragen, in der Bibel lesen. Juttas Einsatz für Arme und Kranke ist da schon eher anknüpfungsfähig.
Das Stück der Jugendlichen geht mir einen Monat später noch nach. Es ist auch die Frage nach dem Heilig-Sein, weshalb es mich bewegt – und wie fern ihnen (uns auch?!) dieser Gedanke ist. Sie haben natürlich in ihrem Stück eine Brücke ins Heute geschlagen und den Blick auf aktuelle Nachahmer Juttas in Sangerhausen gelenkt, zum Beispiel die Tafel und die Hospiz-Initiative.
Aber die Ebene, die jeden betrifft, wie es Papst Franziskus in „Über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute“ schreibt, blieb offen. Durchhaltevermögen, Geduld, Sanftmut, Freude, Sinn für Humor, Wagemut, Eifer, Gemeinschaft und schließlich auch das Gebet – manche dieser Kennzeichen für heutige Heilige, die Franziskus anspricht, sind gar nicht so seltsam.
In den Fußstapfen der heiligen Jutta gibt es also in Sangerhausen noch einige Herausforderungen, sowohl im Blick auf ihr Erbe als auch zu zeigen, was uns Christen heute umtreibt – nebst der Einladung doch gemeinsam „seltsame“ Heilige zu werden.

Angela Degenhardt, Sangerhausen