23.04.2020

Serie zum Synodalen Weg: Zur Situation der Kirche hierzulande

Gemeinsam auf dem Weg

Mit Beiträgen zur Situation der Kirche hierzulande will der Tag des Herrn in den kommenden Monaten die Arbeit des Synodalen Weges begleiten. Einblicke in die bisherigen Anstrengungen und ein Ausblick sollen am Anfang stehen.

Die erste Vollversammlung des Synodalen Weges vom 30. Januar bis 1. Februar im Dominikaner-
kloster in Frankfurt (Main) war von einer ausgezeichneten Debattenkultur geprägt: Freimut der Rede und gleiche Redebedingungen für alle ließen „Synodalität“ jenseits amtlicher Hierarchie erleben.    Foto: Harald Oppitz/kna

 

Am 1. Advent 2019 hat der Synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland begonnen. Zur Zeit sind wie in allen Bereichen des öffentlichen Lebens durch COVID-19 seine äußeren Bedingungen eingeschränkt. Den vorgesehenen Zeitplan von zwei Jahren wird man möglicherweise anpassen müssen. Arbeitsgruppen können derzeit nicht tagen. Im Alltag dominieren andere Sorgen. Doch die Corona-Pandemie wird die Dringlichkeit der Verständigung über Kirche und Amt, Macht und Moral nicht verringern, eher steigern. Denn in einer Krise greifen alte, tief verankerte Muster. Woraus man lebt und worauf man baut, ob als einzelner oder als Kirche, tritt unter schwierigen Umständen deutlicher zutage als in normalen Zeiten.
Schauen wir zurück: 2010 war sexuelle Gewalt an Jungen durch Jesuitenpatres des Berliner Canisius-Kollegs öffentlich geworden. Seither ist Missbrauch durch Kleriker Thema. 2018 untermauerte die MHG-Studie die Dimensionen dieser Verbrechen (MHG steht für die Orte Mannheim, Heidelberg, Gießen der beteiligten Forschungseinrichtungen). Die Zahlen konnten auf Kirchenleitungsebene niemanden überraschen. Doch strukturelle und theologische Hintergründe von Missbrauch und Vertuschung wurden nun unabweisbar. Anstatt die Opfer zu schützen, schützte man die Institution. In der Öffentlichkeit war die Publikation der Studie ein Paukenschlag. Die Kirchenaustrittszahlen der Jahre 2018 und 2019 zeigen das. Die Erosion religiösen Lebens in Deutschland hat viele Gründe – offensichtlich spielt aber der Verlust von Vertrauen in die Institu-
tion Kirche eine große Rolle.

Professorin Julia Knop lehrt in Erfurt Katholische Dogmatik und ist Mitglied der Synodalversammlung.    Foto: Sebastian Holzbrecher

Hier setzt der Synodale Weg an. Vier Arbeitsfelder wurden benannt, in denen diese Vertrauenskrise besonders virulent wird: Partizipation (Teilhabe) und Gewaltenteilung, priesterliche Lebensform, die Rolle der Frau in der Kirche und die kirchliche Sexualmoral. Als Schlüsselthema hat sich die „Machtfrage“ erwiesen. Hier kommt einiges zusammen: Wer in der Kirche worüber entscheidet, ob Finanz-, Personal- und pastorale Entscheidungen einsam oder gemeinsam getroffen werden, ob sie kontrolliert und evaluiert werden, ob und wem gegenüber Entscheidungsträger rechenschaftspflichtig sind, wie man Konflikte löst, wie sich Macht im Verhältnis der Geschlechter und zwischen Klerus und Laien insgesamt darstellt und vieles mehr.

Kritisch: Verhältnis von Kirche und Demokratie
Neuralgischer Punkt ist das Verhältnis von Kirche und Demokratie beziehungsweise demokratischen Strukturen. Auch die katholische Kirche versteht sich ja als Teil der demokratischen Gesellschaft. Gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD hat sich die Deutsche Bischofskonferenz DBK 2019 dafür ausgesprochen, „Vertrauen in die Demokratie stärken“ zu wollen. Aber die Kirche selbst sei keine Demokratie. „Authentisch“, das heißt, mit dem Anspruch auf Wahrheit und Geltung, könne nur das kirchliche Lehramt sprechen, also die Bischöfe und der Papst. Nicht eine demokratische Wahl oder ausgewiesene Fachkompetenz ermächtigen in der Kirche zu einem Amt, sondern Ernennung und Weihe durch die hierarchisch übergeordnete Ebene. Statt von „Demokratie“, der Macht (kratos) des Volkes (demos), spricht man deshalb von „Synodalität“, einem gemeinsamen (syn) Weg (hodos) der Beratung und Entscheidungsfindung in der Kirche, wobei in aller Regel gilt: „Laien“ beraten, Bischöfe entscheiden.
Der „Synodale Weg“ ist zumindest teilweise anders aufgestellt: Etwas mehr als die Hälfte der Synodalversammlung besteht aus „Laien“. Ein Drittel stellen die Bischöfe, ein weiteres Drittel die Frauen. Experten unterschiedlicher Fachrichtungen sind eingebunden. Gemeinden, Verbände, Akademien und die Theologie begleiten den Prozess in zahlreichen Veranstaltungen. Ihre Anliegen werden über die Synodalen und über partizipative Formate in den Prozess eingespeist. Die erste Vollversammlung im Januar/Februar 2020 war von einer ausgezeichneten Debattenkultur geprägt: Freimut der Rede und gleiche Redebedingungen für alle ließen „Synodalität“ jenseits amtlicher Hierarchie erleben. Letztlich ist der Synodale Weg aber ganz traditionell. Die Vollversammlung ist zwar das oberste Entscheidungsgremium, doch ihre Beschlüsse können keinen Bischof rechtlich binden. Es sind nur Empfehlungen – allerdings Empfehlungen, die aus dem intensiven gemeinsamen Prozess unter Beteiligung aller Bischöfe hervorgegangen sind. Solche Voten wird kein Entscheidungsträger leichtfertig vom Tisch wischen. Eine weitere Herausforderung ist das komplexe Verhältnis von Orts- und Weltkirche. Jahrzehnte lang hat man von römischer Seite auf zentral gesteuerte einheitliche Prozesse gesetzt. Papst Franziskus ermutigt nun zu Dezentralisierung und Inkulturation. Die Kirche vor Ort soll der Situation vor Ort entsprechen. Damit ist eine Wechselbeziehung von Kirche und Gesellschaft, Glaube und Kultur gemeint, keine einseitig kirchliche Formung der Kultur und ebenso wenig ein beziehungsloses Nebeneinander von Kirche und Kultur.
Zu solcher Inkulturation wird der Synodale Weg einiges beitragen können. Denn er greift Themen auf, die das Zusammenleben, Rechtsempfinden und Rechtskultur moderner Gesellschaften zutiefst prägen: demokratische Prinzipien (Thema Macht), Geschlechtergerechtigkeit (Thema Frauen) und Autonomie der Lebensführung (Thema Priesterliche Lebensform, Sexualmoral). Was bedeuten diese kulturellen Standards unserer Zeit für kirchliches Leben unserer Zeit? Welche Form von Demokratisierung ist möglich, welche ist nötig? Lassen sich kirchliche Sonderwege hinreichend begründen? Daran wird man die Ernsthaftigkeit und die Ergebnisse des Synodalen Wegs messen.

Dafür sorgen, dass die Fragen im Blick bleiben
Am Ende des zweijährigen Synodalen Wegs in Deutschland ist jedoch keine Frauenordination und wohl auch kein Ende des Pflichtzölibats zu erwarten. Aber dafür, dass Geschlechtergerechtigkeit und die Suche nach neuen Wegen zum Weiheamt – Fragen, die inzwischen auf allen Kontinenten drängen –, in Rom nicht stillgelegt werden, wird der Synodale Weg einstehen. Für die Kirche in Deutschland sind durchaus konkrete Reformen zu erwarten: Initiativen zur besseren Kontrolle und Rechenschaftspflicht von Leitung, zur Entkopplung von Amt und Macht, wo immer das jetzt schon möglich ist, zur Beteiligung der Gemeinden beziehungsweise der Gläubigen bei der Besetzung von Leitungsämtern, zur Quotierung des Frauen- und Laienanteils in Ämtern und Gremien, zu einem zu ihrer Qualifikation passenden Einsatz nichtordinierter Hauptamtlicher in Seelsorge, Gemeindeleitung und Liturgie, und last, not least, zugunsten einer vertieften kirchlichen Auseinandersetzung und Weiterentwicklung in den einschlägigen sexualethischen und gendertheoretischen Fragen.

Hinweis: Ein Gespräch des Leiters des Katholischen Forums, Niklas Wagner, mit dem Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr und Professorin Knop zum Synodalen Weg wird am 27. April als Podcast freigeschaltet. Dazu konnten Interessierte im Vorfeld Fragen stellen.
Mehr: www.synodalerweg.de

Von Julia Knop