07.11.2019

Tod von 39 Menschen Ende Oktober in einem LKW im England

Wer ist eigentlich Schuld?

39 Menschen, vor allem Vietnamesen, sind Ende Oktober in einem LKW im englischen Essex tot aufgefunden worden. Der Jesuit Pater Stefan Taeubner, Seelsorger für Vietnamesen in Leipzig, hat sich dazu Gedanken gemacht.

Pater Stefan Taeubner SJ betet mit Vietnamesen der Leipziger Gemeinde für die auf der Fahrt nach Großbritannien in einem Kühltransporter gestorbenen Flüchtlinge und ihre Angehörigen.    Foto: privat

 

„Liebe Mutter, es tut mir so Leid für euch Eltern! Bitte verzeiht mir! Aber der Weg ins Ausland funktioniert nicht. Ich muss sterben, weil ich nicht mehr atmen kann. Ich liebe euch so, liebe Eltern!“
Das sind die letzten Mitteilungen per SMS der jungen Vietnamesin Pham Thj Trà My aus dem Kühlcontainer auf ihrer Todesfahrt nach England Ende Oktober 2019. Zusammen mit 38 anderen jungen Menschen, vor allem Landsleuten aus Vietnam, hatten sie die Todesfahrt irgendwo in Belgien begonnen, noch voller Ängste und Hoffnungen auf eine glückliche Überfahrt. Doch spätestens, als die schwere Heckklappe des großen LKW geschlossen war, und sie sich eingesperrt in finsterer Dunkelheit den weiteren Geschehen ohnmächtig ausgeliefert fanden, waren ihnen wohl Zweifel gekommen, ob das alles so gut gehen würde, ob das wirklich ihre Überfahrt in das „gelobte Land“ England sein würde. Und spätestens als sie spürten, wie die Luft immer schwerer zu atmen wurde, muss ihnen der furchtbare Gedanke gekommen sein,  dass sie diese grausige Fahrt vielleicht nicht mehr überleben  würden … „Liebe Mutter…!“.
Entsetzt und tief berührt lese ich diese SMS im Internet und drucke sie mir aus. Dann stelle ich das Blatt auf dem kleinen Zimmeraltar in meinem Büro auf und zünde davor Weihrauchstäbchen an: Mein Gott, was für ein schreckliches Ende, und was für ein tapferes Mädchen aus Vietnam, mit ihren letzten liebevollen Gedanken an die Eltern, denen sie ihr Leben schuldet.
 
Voller Enthusiasmus und für eine riesige Summe
Wie anders waren sie aufgebrochen, vor Monaten in Vietnam, noch voller Hoffnung, voller jugendlichem Enthusiasmus: Es geht los, eine neue Zukunft, eine neue Arbeit, eine neue Aufgabe wartet auf uns dort, in der Ferne, im gelobten Land, so wie sie es sagten. Und immerhin hatten ihre Eltern dafür einen stolzen Preis bezahlen müssen, das Haus verpfändet, überall zusammengeborgt, bis die sagenhafte Summe von 40 000 Euro für ihre Überfahrt zumindest auf dem Papier gedeckt war, freilich als noch abzutragende Schuld. Und sie würde es schaffen, sie würde sich als gehorsame Tochter erweisen, die im Ausland ihre Pflicht erfüllt, sie würde Erfolg haben und dann auch wieder Geld für die armen Verwandten auf dem Land zurückschicken. Freilich war schon der erste Teil der Fahrt abenteuerlich, über China und weiter mit gefälschten Pässen nach Paris oder Berlin oder Ungarn? Wer kennt die verschlungenen Wege so genau? Aber die heute so üblichen Facebook-Einträge verraten einiges über die letzten Tage und Wochen der jungen Opfer:
Da gibt es fröhliche Eintragungen mit Bildern vor Sehenswürdigkeiten in Berlin, Paris oder Brüssel. Aber auch schon sehr nachdenkliche Töne, wie die der 19-jährigen Bùi Thj Nhung, auch eines der jungen Opfer der Überfahrt, aus dem katholischen Dô Thành in der Provinz Nghê An: „Ich fühle mich so einsam hier, obwohl ich an dem Ort bin, wo ich immer hinwollte.“ Oder: „Als ich noch in Vietnam war, dachte ich, das Leben in Europa ist rosig, doch jetzt scheint mir alles nur in schwarzen Tönen.“ Welche bitteren Erfahrungen mögen hinter diesen Aussagen stecken?
Irgendetwas ist schiefgelaufen auf dieser Reise in das gelobte Land. Verdammt schief gelaufen! Aber was nur? Und wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür? Andere sind doch auch aufgebrochen und angekommen, in England, und haben viel Geld nach Haus geschickt und davon wurden schöne Häuser gebaut im Dorf, auf dem Land, zum Teil sogar mit großen Statuen der Jungfrau Maria, und manche Kirche wurde verschönert. „Die anderen haben es doch auch geschafft,“ hörte man die Nachbarn sagen, „also, warum du denn nicht?“ Also haben sie das Geld aufgenommen und sind aufgebrochen, „zum Arbeiten im Ausland“, wie man daheim beschönigend sagt. Aufgebrochen einfach so, ohne je zu ahnen, was dort wirklich auf sie zukommen würde.
 
Irgendwas ist schief gelaufen
Ja, irgendwas ist dann schief gelaufen: 39 Tote, das ist einfach zu viel! Und wer trägt die Schuld daran? Etwa der junge Lastwagenfahrer, der um ein Uhr nachts auf dem Rastplatz in Essex die Tür seines Kühltransporters öffnete und in Ohnmacht fiel, als er plötzlich einen Berg von Leichen vor sich sah? Hatte er das Geschehen etwa gewollt? Oder doch mitverursacht aus grausamer Fahrlässigkeit, Gedankenlosigkeit, Angst? Ebenso wie seine Auftraggeber und Hintermänner! Wir wissen das nicht so genau. Aber genau diese Auftraggeber und Hintermänner hatten doch die Aufgabe übernommen, die Menschen lebend nach England zu schmuggeln, um genau dafür unglaublich viel Geld einzukassieren.
Und ehrlich gesagt, dieses „Geschäftsmodell“ hatte wohl in den letzten Jahren auch meist geklappt. Was also ist dieses Mal schiefgelaufen? Und zynisch werden sich die Menschenhändler rechtfertigen und gar als „Helfer“ deklarieren, die ja nur den Willen der Eltern und ihrer Kinder vollziehen. Und die Eltern werden sagen, dass sie all das ja nicht geahnt haben, als sie ihre Kinder losschickten …
 
Am Ende ist also keiner Schuld, außer den armen Opfern selbst?
Betroffen stellen sie nun daheim auf ihren Hausaltären die Bilder der Verstorbenen auf und zünden Weihrauch an für ihre „unglücklichen Seelen“. Sind ihre Kinder also Opfer schrecklicher Verhältnisse? Hatten sie einfach nur Unglück, sind sie gar Helden in einem immerwährenden Kampf nach sozialem Aufstieg und finanzieller Sicherheit? Oder nagen jetzt vielleicht auch in den Herzen der Eltern und Verwandten stille Zweifel, ob der Weg, den sie gewählt hatten, wirklich der richtige war?
 
Menschen helfen, Auswege zu finden
Aber in was für einer Welt leben wir alle, dass sich solche Dramen zwischen Kontinenten und Völkern immer wieder auf die eine oder andere Weise wiederholen? Sind etwa die Bootsflüchtlinge über das Mittelmeer von heute weniger Schuld, weniger Opfer als diese jungen Menschen aus Vietnam? Warum ist diese Welt so geteilt und gespalten, in oben und unten, arm und reich, verheißungsvoll und hoffnungslos, dass sich eine immer wieder bildende, nie endende Kette von vor allem jungen, kräftigen und hoffnungsvollen Menschen in das Land ihrer Verheißung aufmachen, und auch bereit sind, dafür einen hohen, einen sehr hohen Preis zu zahlen? Sind etwa am Ende wir alle mit Schuld an diesem Geschehen, weil wir nicht wirklich bereit sind, von unserem Wohlstand, Reichtum und der klimazerstörenden Wirtschaft zu lassen und mit den Armen wirkungsvoll zu teilen?
Der Weg in das gelobte Land führte die 39 Opfer in den Tod. Unser Mitgefühl und unser Respekt vor ihrem Weg verbleibt bei ihnen. Wir werden ihrer gedenken! Uns allen sei das eine Mahnung, Wege zu öffnen, damit immer mehr Menschen dieser Erde wirklich einen Ausweg finden aus ihrer Not und einen neuen Weg der Hoffnung in Würde gehen können. Irgendwas ist schiefgelaufen mit unserer Welt von heute, und wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür?