14.02.2018

Iranische Muslima wird Christin

Verschlungene Wege

Eine iranische Muslima wird Christin. Mehr „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ geht nicht. Die Geschichte einer Frau, die unter Lebensgefahr zu Christus fand und heute als evangelische Pastorin in Deutschland lebt.

Foto: Christiane Meyer/Gerth Medien
Ihr Glück fand Flor Namdar in der Kirche – sie ist jetzt Pastorin.  Foto: Christiane Meyer/Gerth Medien


Am Telefon meldet sich Flor Namdar. Ihr Vorname ist echt, der Nachname ein Pseudonym. Wie sie wirklich heißt, wo sie wohnt und arbeitet, muss aus Rücksicht auf ihre Mutter im Iran verschwiegen werden. Nur so viel: Die heute 53-jährige Iranerin lebt seit 23 Jahren in Deutschland. Als evangelische Pastorin betreut sie eine Gemeinde von kurdischen Migranten, die wie sie zum Christentum konvertiert sind oder noch konvertieren wollen. Die Forderung Jesu aus der heutigen Lesung „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ ist für sie persönliche Lebenserfahrung und Lebensaufgabe zugleich. „Der Herr hat mich ausgewählt, mich begleitet und mir immer geholfen. Ohne meinen Glauben hätte ich das alles nicht durchgehalten“, erzählt sie in einem langen Telefongespräch.

Doch der Reihe nach. Als das kleine Mädchen 1964 im damaligen Persien geboren wird, bestimmt der Schah als Diktator die Geschicke des Landes. Flors Vater ist Offizier in seiner Armee. Die Familie lebt in wohlhabenden Verhältnissen, das kleine Mädchen ist umgeben von Bediensteten, wird in die Schule chauffiert, hat schöne Kleider, immer gut zu essen und viele Freiheiten. Es ist ein Leben wie in einem Elfenbeinturm, weit entfernt von der Armut der Bevölkerung. Von den politischen Unruhen im Land, das durch die verschwenderische Herrschaft des Schahs gebeutelt ist, bekommt die kleine Flor nichts mit.


Die Revolution ändert ihr Leben von Grund auf

Als die Mullahs das Regime übernehmen, verändert sich Flors Leben radikal. Ehemalige Militärs werden zur Zielscheibe der neuen Machthaber. So auch Flors Eltern. Sie werden überwacht, bespitzelt und immer wieder unter Vorwänden vorübergehend verhaftet. Aus Angst um ihr Leben entschließt sich die Familie zur Flucht nach Teheran.

In der Millionenmetropole finden die Namdars Platz in einer Flüchtlingsunterkunft. Die Großfamilie lebt in zwei Zimmern, es gibt wenig zu essen, die sanitären Verhältnisse sind desas­trös, Streit unter den Bewohnern ist an der Tagesordnung.

Flor ist jetzt 16 Jahre alt, hübsch, großgewachsen und hat im Orient das richtige Alter, um eine Familie zu gründen. Doch sie lehnt alle Heiratsanträge ab, will ihren Kindheitstraum verwirklichen und Anwältin werden. Der Sittenpolizei sind solche Rebellinnen ein Dorn im Auge. Flors Bruder droht ihr mit Gewalt. Aus Angst stimmt Flor einer arrangierten Ehe zu. Für sie eine „absurde Verbindung“, in der vom ersten Tag an alles schiefläuft.


Allah ist kein Trost mehr – Jesus schon

Vergeblich sucht Flor Trost und Antworten im Islam. „Allah, an den zu glauben ich gelehrt worden war, schien mir unendlich weit entfernt. Wenn es ihn gab, was ich zunehmend mehr bezweifelte, schien er sich nicht für mich zu interessieren“, schreibt sie in ihrer Biografie und: „Muslim trägt vom arabischen Wortursprung her den Begriff Unterwerfung in sich. Sinngemäß bedeutet Muslim also ‚Der sich Gott Unterwerfende‘.“ Mit diesem Gottesbild kommt Flor nicht klar.

„Wie fast alle Frauen, denen ich begegnete, trug ich den Tschador. Ich hatte ihn um mich gehüllt wie einen schwarzen Schleier der Hoffnungslosigkeit. In mir war nur noch Leere.“ Sie fällt in eine Depression und scheitert bei dem Versuch, sich umzubringen. Ihre Tochter Sahar hat für ihren Vater das falsche Geschlecht und ist noch kein Jahr alt, als Flor zurück zu den Eltern flieht. Die Freude der Familie darüber ist verhalten. Mit Flor und dem Baby wird es in der Behausung noch enger.

Eines Tages bekommt sie über einen armenischen Goldschmied Kontakt zu einer christlichen Gemeinde. Für Flor ist es „das Wunder ihrer Berufung“. Im Koran hat sie schon vorher etwas über Jesus gelesen und einen Film gesehen, in dem Jesus Kranke heilt.

„Das Drängen in mir wurde übermächtig, ich musste mehr über diesen Jesus erfahren.“ Heimlich besucht sie einen Gottesdienst. „Es war fantastisch, es wurden Lieder gesungen, alles war so schön und friedlich. Ich hatte das Gefühl, der Pastor hat nur für mich gepredigt.“ Als sie hört: „Gott liebt dich. Er hat aus Liebe zu dir seinen Sohn geopfert. Du kannst zu ihm zurückkehren – jederzeit“, fühlt sich Flor so glücklich, dass es ihr den Atem verschlägt. Sie spürt: „Diesem liebenden Gott kann ich vertrauen.“ Das „Kehrt um und glaubt“ ist für sie in dem Moment Wirklichkeit.


Bibelstudium trotz Todesstrafe

Sie kauft eine Bibel, will das Evangelium verkünden. Die Mutter ist entsetzt. „Im Iran ist es schlimm zu konvertieren. Darauf steht indirekt die Todesstrafe“, sagt sie. Sie beschwört Flor, die Familie nicht in Gefahr zu bringen. Später werden die Mutter und andere Familienmitglieder sich auch zum Christentum bekehren.

Flor integriert sich in der christlichen Gemeinde, wird getauft und findet Arbeit als Übersetzerin bei der Bibelgesellschaft. Gott habe es gut mit ihr gemeint, erzählt sie. „Ich durfte den ganzen Tag die Bibel studieren und bekam sogar noch Geld dafür.“

Doch dieser Gott hat mehr mit ihr vor. Sie soll als Missionarin in Deutschland eine persische Christengemeinde aufbauen. Bangen Herzens, aber ohne Zögern folgt sie mit Tochter Sahar dem Ruf eines Pastors in ein fremdes kaltes Land. „Ich habe mich mit Gottvertrauen auf den Weg gemacht“, sagt sie.

Die ersten Jahre in der Fremde sind schwer. Doch Flor glaubt an ihren Auftrag. Sie lernt Deutsch und Kurdisch, studiert Theologie, kümmert sich um Sahar (11) und wird zur geistlichen Mutter ihrer Gemeinde. Neben dem geistlichen kümmert sie sich auch um das psychische Wohl ihrer Schützlinge. Als „Expertin fürs Ausländischsein“ versteht sie die Menschen, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen. „Mutter Flor“, wie sie in ihrer Gemeinde genannt wird, ist Pastorin, Vertraute, Eheberaterin und Sozialarbeiterin. „Ich will helfen, den geistlich Heimatlosen eine Heimat zu bieten, und Gott da dienen, wo er mich braucht.“

Auch wenn der Anfang schwer war, Flor hatte nie Zweifel an ihrem vorbestimmten Weg. Denn: „Gott ist der beste Arbeitgeber aller Zeiten. Wenn er dich beauftragt, gibt er dir alles, was du brauchst.“ Und wenn sie sich etwas wünschen dürfte? „Gesund bleiben, um Gottes Wort von der Liebe in Liebe weiterzugeben!“

Flor Namdar: Liebe statt Furcht. Gerth Medien, 256 Seiten, 17 Euro

Von Marilis Kurz-Lunkenbein