11.06.2020

Interview mit Matthias Holluba, Chefredakteur des Tag des Herrn

„Kirche braucht gute Presse“

Seit 25 Jahren ist Matthias Holluba Chefredakteur des Tag des Herrn. Sein langjähriger Kollege Eckhard Pohl sprach mit ihm über Höhepunkte und Veränderungen in dieser Zeit sowie aktuelle Chancen und Herausforderungen.

Den Katholikentag in Leipzig hat der TAG DES HERRN mit aktueller Berichterstattung und mehreren Sonderveröffentlichungen begleitet.    Foto: imago images/epd

 

Matthias, wirst du der letzte TAG DES HERRN-Chefredakteur sein?

Ich hoffe nicht.

Wie unsere Kirche stecken auch die Bistumszeitungen in einer schweren Krise ...

Das ist richtig. Die Auflagen gehen massiv zurück. Die Leserschaft ist überaltert. Es gelingt kaum, jüngere Abonnenten zu gewinnen. Bei genauem Hinschauen zeigt sich, dass die Krise unserer Zeitungen ein Spiegelbild der gegenwärtigen Kirchenkrise ist. Inzwischen haben die ersten Bistumszeitungen ihr Erscheinen eingestellt. Doch ich möchte das Bild nicht nur schwarz malen: Noch immer erreicht der Tag des Herrn statistisch jede Woche mehr Katholiken, als am Sonntag in unserer Region in die Kirche gehen. Und von vielen Lesern weiß ich, wie wichtig ihnen unsere Zeitung ist.

Sind die Kirchenzeitungen noch zu retten?

Ich habe dafür kein Patentrezept. Mir scheinen weitere Kooperationen nötig. Am Ende gibt es dann vielleicht nur noch ein oder zwei Kirchenzeitungen in ganz Deutschland mit verschiedenen Bistumsausgaben. Herausgeber wären nicht mehr die Bischöfe, sondern zum Beispiel eine Stiftung, was den Zeitungen auch eine größere Unabhängigkeit ermöglichen könnte.

Wenn du auf die 25 Jahre als Chefredakteur zurückschaust – was bewegt dich dabei?

Als ich die Aufgabe übernommen habe, war ich mir nicht sicher, ob das gut geht. Meine drei Vorgänger – Josef Gülden, Franz-Peter Sonntag und Gottfried Swoboda – waren Priester. Ich sollte der erste Laie in dieser Funktion sein. Würden die ostdeutschen Bischöfe als Herausgeber mir genügend Vertrauen entgegenbringen? Heute kann ich die Frage mit Ja beantworten. Zusammen mit meiner Redaktion, mit den Verantwortlichen des St. Benno Verlages und unseren westdeutschen Kooperationspartnern haben wir den TAG DES HERRN zu einem Medium gemacht, das über die Grenzen unserer Bistümer hinaus beachtet wird.

An welche Höhepunkte erinnerst du dich gern?

Da muss ich zuerst die Friedliche Revolution 1989/90 nennen. Da war ich zwar noch kein Chefredakteur, aber das war die spannendste Zeit. Die Kirche spielte in der Gesellschaft plötzlich eine ganz andere Rolle. Die Entwicklungen zu begleiten, war eine Herausforderung und ist es bis heute. Dazu gehört auch die Beschäftigung mit der Geschichte der Kirche in der DDR und die Erinnerung an die Lebensgeschichten einzelner Christen in diesem Land, die nicht vergessen werden dürfen.
Herausragende Ereignisse gab es viele: die Katholikentage 1990 in Berlin, 1994 in Dresden und 2016 in Leipzig, den Besuch von Papst Benedikt 2011 in Thüringen und die Veranstaltungsreihe „die pastorale!“, die nach den speziellen Herausforderungen der Kirche in der ostdeutschen Diaspora fragt und deren Mitveranstalter der Tag des Herrn ist. Persönlich erinnere ich mich gerne an die Bischofsweihe von Clemens Pickel in Marx an der Wolga, an eine Reise im Vorfeld des Papstbesuchs mit meinem evangelischen Kollegen Harald Krille auf der Suche nach der Ökumene in Rom und an eine Reportage-Reise mit meinem Hildesheimer Kollegen Stefan Branahl entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze 25 Jahre nach dem Mauerfall. Höhepunkte sind für mich aber auch immer die Begegnungen mit den engagierten Christen in unserer Region. Wir sind eine kleine Kirche, aber wir stellen auch einiges auf die Beine.

Kirchenzeitung ist ja mehr als Berichterstattung über Ereignisse. Welche Aufgaben siehst du für den TAG DES HERRN?

Im Wesentlichen zwei: Wir wollen unsere Leser informieren und ihnen helfen, sich in der Flut der Meinungen eine an der christlichen Botschaft orientierte Meinung zu bilden. Das ist eine Herausforderung, wenn ich etwa an die Themen AfD und Pegida denke, deren unchristliches Gedankengut teilweise tief in unsere Gemeinden hinein reicht.
Zweite Aufgabe ist es, unseren Lesern Hilfestellung für ein christliches Leben im Alltag zu bieten. Diesem Anliegen dienen auch die Journale, die wir mehrmals im Jahr zu einem speziellen Thema produzieren. Wie wichtig die Glaubenshilfe ist, haben wir gerade angesichts der Einschränkungen im Zusammenhang mit der Corona-Krise erfahren.

 

Matthias Holluba (am Schreibtisch) mit einem Teil seiner Redaktion bei einer Besprechung.    Foto: Maria Körner

 

Das kirchliche Leben im Osten Deutschlands hat sich seit 1990 vielfältig verändert – zum Guten oder zum Schlechten?

Sowohl als auch. Positive Veränderungen sehe ich vor allem dort, wo die Kirche versucht, die christliche Botschaft in einer weitgehend entchristlichten Gesellschaft zu Gehör zu bringen. Ich denke an die vielfältigen Bemühungen, das Evangelium auf Ostdeutsch zu buchstabieren, sei es bei Lebenswendefeiern, in den Einrichtungen der Caritas, in unseren Schulen oder durch Seelsorger in Krisensituationen. Kirche ist auch ein gefragter Gesprächspartner. Die katholischen Akademien, die theologischen Hochschuleinrichtungen, die Verbände leisten hier beachtliche Arbeit.
Negativ zu Buche schlägt für mich, dass wir in den letzten Jahren zu viel Energie in unsere innerkirchlichen Strukturdebatten gesteckt haben. Das hat auch dazu geführt, dass die Ost-Bistümer sehr mit sich selbst beschäftigt sind und das Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Region mit gemeinsamen Herausforderungen zurückgegangen ist. Das ist keine Nostalgie. Ich finde zum Beispiel eine gemeinsame Priesterausbildung für Ostdeutschland überaus sinnvoll.

Mit welchen Gefühlen blickst du in die Zukunft der Kirche in unserer Region?

Mit Sorge. Die Zahl der Katholiken wird – von wenigen Ausnahmen abgesehen – überall kleiner. In der Folge werden die Pfarreien größer und anonymer. Hinzu kommt eine wachsende Polarisierung in unseren Gemeinden sowohl in politischer Hinsicht – das Stichwort AfD nannte ich schon – als auch mit Blick auf überfällige innerkirchliche Reformen, die für andere mit der Lehre der Kirche nicht in Einklang stehen. Wenn ich einige Diskussionen im Zusammenhang mit dem Synodalen Weg sehe, muss ich sagen: Die von manchen befürchtete Kirchenspaltung ist schon da.

Welche Auswirkungen hat das auf die Arbeit als Kirchenzeitungsredakteur?

Wir müssen lernen, mit der Vielfalt der Meinungen in unserer Kirche umzugehen. Wir dürfen dem anderen nicht gleich den Glauben absprechen, nur weil er beim Frauenpriestertum oder beim Zölibat eine andere Ansicht hat, oder weil er ein Anhänger der alten Messe ist. Hier könnte Kirchenzeitung als Dialogplattform wichtig sein, wie die Leserbriefe zeigen. Dazu gehört auch ein gewisses Maß an Kritikfähigkeit bei allen Beteiligten, das ich leider oft vermisse. Den Papst im fernen Rom zu kritisieren, ist einfach. Schwieriger wird es schon, wenn es um Entscheidungen der Bistumsleitung geht. Am schwierigsten ist Kritik, wenn eine konkrete Pfarrei betroffen ist. Eine kritische Betrachtung der Dinge gehört zum Wesen auch des kirchlichen Journalismus. Meine Erfahrung ist, dass Leser das zunehmend erwarten. Das ist auch ein Ergebnis der Missbrauchskrise und Finanzskandale. Eine Kirchenzeitung, die diese Erwartung nicht ernst nimmt, wird von den Lesern nicht ernst genommen. Kritischer Journalismus ist vielleicht die größte Herausforderung, vor der wir Kirchenzeitungsmacher heute stehen.
Die Kirche braucht eine gute Presse. Viel zu oft überlassen wir unsere ureigenen Themen den säkularen Medien. Zum anderen kommen christliche Positionen in den öffentlichen Medien immer weniger vor, weil die gesellschaftliche Relevanz der Kirchen aufgrund der zurückgehenden Mitgliederzahl schwindet.