18.03.2021

Hiltrud Kirchner im Interview

Christliche Erziehung als Angebot und Chance

Mit 25 übernahm Hiltrud Kirchner die Leitung der Kita in Döbern, am vorigen Sonntag wurde sie am Ende der Eucharistiefeier verabschiedet.

Hiltrud Kirchner übergibt den Staffelstab an ihre Nachfolgerin Anita Szarapo.    Foto: Raphael Schmidt

 

Frau Kirchner, Sie waren 40 Jahre katholische Erzieherin und Leiterin der Kita in Döbern. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Wir hatten das Glück, wir waren und sind Teil des „katholischen Viertels“ in Döbern; man kannte uns als Kirche. Wir hatten und haben auch heute einen „guten Ruf“ im kleinen Ort. Geblieben sind die gemeinsamen Morgengebete, Besuche der Kirche, Andachten mit größeren Kindern, Bildergeschichten, Vorbereitung von Festen. Religion ist Angebot, sie gehörte und gehört bei uns dazu. Heute: Mitarbeiterinnen ohne Religionspädagogische Ausbildung werden in Weiterbildungen religiöse Inhalte vermittelt. Damals, wie heute werden die Eltern einbezogen, eingeladen zum Mittun. Verschiedene religiöse Themen werden einfach und locker angesprochen. Eigene Standpunkte und Glauben sind mehr denn je wichtig, auch um reagieren zu können auf Vorhalte wie: Ihr müsst das doch wissen…, die Kirche hat doch Geld, schaut euch doch um, wie kann die Kirche so was zulassen...

Wie sieht die religiöse Vorbildung aus den Familien heraus aus – damals und heute?

Damals waren noch mehr Menschen religiös, es gab aber nicht mehr religiöse Vorbildung als heute. Familien fragen nach und setzten sich bewusst mit dem katholischen Kindergartenkonzept auseinander – man wollte es für das Kind, war neugierig, „Beten kann doch nichts schaden, oder?“, „Das Kind soll später mal selbst entscheiden“, „Müssen wir christlich sein, wenn wir das Kind zu euch bringen ?“, fragten Eltern.

Die Zusammensetzung der Kita-Gruppen hat sich von getauft nach ungetauft verschoben – welche Chancen sehen Sie darin?

Von 50 Kindern in der Kita sind  derzeit zwölf getauft, drei katholisch, neun evangelisch.  Chancen sehe ich darin, dass Familien untereinander ins Gespräch kommen, neugierig werden, staunen: „was man so machen kann“. Sie lernen sich kennen, treffen sich privat, machen gemeinsam mit, man spricht auch mal über „Kirche“, über gemeinsame Feste und Begegnungen.

Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen Kita und der Pfarrgemeinde?

Döbern war eine sehr aktive, offene mitmachende kleine Gemeinde, mit starkem Zusammenhalt der Familien und guter Ökumene. Jetzt ist es eine alternde Gemeinde. Es gibt kaum Kinder und Jugend, die Kirche ist leer. Kitakinder  füllen im Gottesdienst die Bänke, sind gern gesehen und gehört. Vor Corona war die Kita im Seniorenkreis dabei, lud Senioren in die Kita ein, es gab regelmäßige, intensive Kontakte zu den Bewohnern des Alten- und Pflegeheimes Sankt Hedwig, das sich in unmittelbarer Nähe der Kita befindet. Die Kita lud zu Festen und Jubiläen ein.

Wie bringt sich die Pfarrgemeinde ein?

Firmlinge kamen zum Praktikumstag, Kollekten gingen an die Kita, Kinder kannten Pfarrer und Ordensschwestern. Duch die Ortsnähe kannte man sich, begegnete sich auf dem Weg.

Was hat sich duch Corona verändert bei Erntedankfest, Laetare, Martinsfest (dem Patronatsfest der Kita)?

Corona brachte körpernahe Kontakte zum Stillstand, Feste sind ausgefallen. Stattdessen gab es Briefe in der vorösterlichen Zeit mit Anregungen für Zuhause, persönliches Austeilen von Osterkörbchen in der Schließzeit. Zum Erntedankfest gab es eine Andacht  mit Kindern in der ansonsten leeren Kirche.  Beim Martinsfest wurde ein kleines internes Gruppenfest veranstaltet und es gab Anregung für Familien: Aufstellen von Martinslichtern in der Stadt, Besuch an der Weihnachtskrippe in der Kirche mit Ablegen von  „herzlichen“ Wünschen und Bitten, Weihnachtsbriefe an Familien, Singen vor dem Hedwigsheim, Kinder malten Bilder für Heimbewohner. Vieles wurde dankbar wahr- und angenomnen.

Was hat Corona verändert? – was daran als Einschränkungen, was ist besser geworden?   

Jeder hat jetzt mehr als vor „Corona“ mit sich zu tun, auch aufgrund von: Planungsunsicherheit, Schließzeit, Notbetreuung, Einhalten von Regeln und Verordnungen, Ängste vor Ansteckungen, unterschiedliches Verständnis bei Eltern für Betreuungseinschränkungen, Hausregeln. Man braucht gute Nerven. Auf der Plus-Seite steht: Aus einer kleinen Baumaßnahme  während der Corona-Schließzeit wurde ein komplett neu gestalteter Gruppenraum, Unterbringung der Vorschulkinder  im Pfarrsaal, Entdeckungen im Pfarrgarten.  Kleine Gruppen ermöglichen intensivere Beschäftigung und Hinwendung zum Einzelkind, Entstehen neuer Freundschaften, angenehme Eingewöhnungszeiten für notwendige Neuaufnahmen durch wenige Kinder in der Gruppe

Wie sehen Sie die Zukunft christlicher Erziehung?

Christliche Erziehung ist als Angebot und Chance zu sehen. Die christliche Prägung fehlt oft in den Familien. Wir versuchen und bieten die Möglichkeit an, eine Beziehung zum Glauben  zu entwickeln, mit einfachen Worten und in alltäglichen Situationen. Es ist und wird schwerer, Familien mit Kindern für Kirche zu begeistern. Es fehlt ein Aufeinander Zuhören und Zugehen. Es wird deutlich: Kirche verliert an Attraktivität und Begeisterung. Was gibt uns Kirche, hier und jetzt? Traditionen gehen verloren, sie werden – das ist auch richtig – hinterfragt und: abgewählt! Neue Ideen und Ansätze brauchen Mitstreiter, motivierte Menschen. Die Freude am Christsein kann etwas Schönes sein. Es ist wichtig, dass die katholischen Kitas gesehen und gehört werden, dass man über sie spricht. Eltern sollen ein gutes und sicheres Gefühl haben, wenn sie ihr Kind in unseren Kitas betreuen lassen.

Interview: Raphael Schmidt