21.02.2014

Anstoß 8/ 2014

„Ich bin das Schwein“

Es war im Jahr 2003, dem „Jahr der Bibel“. Das liegt nun schon elf Jahre zurück, und warum ich an dieser Stelle davon erzähle, liegt an einer Begebenheit, die sich mir tief eingeprägt hat.

Doch von vorn. Anlässlich besagten Jahres gab es eine BibelBox, die in zehn Städten gastierte. Elf Meter breit war sie, elf Meter lang und elf Meter hoch. Fünf Tage stand die Box auch auf dem Erfurter Domplatz. Und daneben gab es eine Bühne, auf der verschiedene Gruppen Musik machten oder Theater spielten.

Unter diesen Gruppen gab es eine aus dem Arnstädter Kindergarten. Die Kinder wollten das Gleichnis vom verlorenen Sohn aufführen. Als ich sie auf dem Domplatz begrüßte, war die Vorfreude, aber auch die Aufregung zu spüren. Die Kinder standen um mich herum und erzählten, wie sie das Stück eingeübt hatten. „Ich bin der Mann, der dem Sohn Arbeit gibt“, sagte stolz der eine. „Ich bin der Vater“, rief nicht weniger stolz ein anderer. „Und ich bin das Schwein!“, sagte inbrünstig und vor Stolz fast platzend ein kleines Mädchen. Ich erinnere mich noch gut an sie: Blonde geflochtene Zöpfe, rosafarbene, leicht pausbäckige Wangen und strahlende Augen. Sie spielte ihre Rolle richtig gut. Dank eines leeren rosafarbenen Joghurtbechers, der mithilfe eines Gummibandes am Kopf befestigt war, hatte sie sogar ein „Schweineschnäuzchen“.

Alles in allem: sie ging in ihrer Rolle richtig auf. Mich hatte das damals, und das tut es auch heute noch, schwer beeindruckt. „Ich bin das Schwein“ – das ist doch nun wirklich nicht gerade eine Traumrolle, nichts, um was man sich reißen würde. Aber sie gehört zum Spiel dazu. Und dieses Mädchen verkörperte diese Rolle, als gäbe es für sie nichts Wichtigeres oder Bedeutenderes.

Kommt das in unserem Leben nicht genauso vor?  Auch wenn ich das Leben nicht für ein Theaterstück halte, so füllen wir doch bestimmte Rollen aus. Es gibt den Chef (Chefin auch), die Angestellte, den Arbeiter. Es gibt – nach menschlichem Verständnis – die Oberen, die Mittleren, das sind die meisten, und die, die in der Hierarchie eher unten bis ganz unten stehen. Es gibt Vater, Mutter und Kinderlose; es gibt Ehe- und auch Ordensleute. Manchmal ändern sich Rollen. Und es kommt auch nicht so selten vor, dass wir uns in eine andere Rolle wünschen. Veränderungen sind nicht verboten, mitunter dringend geboten. Aber grundsätzlich gilt, seine gegenwärtige Rolle bestmöglich auszufüllen. Wie mein kleines „Schweinemädchen“.
Mit einem Unterschied: Anders als im Theater sollten wir unsere Rolle nicht nur spielen, sondern sie auch wirklich sein. Andrea Wilke, Erfurt