12.08.2012

Anstoss 32/2012

Ich bin angekommen – ich bin daheim …

Eine meiner Freundinnen leitete kürzlich eine Wallfahrt für Erwachsene nach Santiago de Compostela.

Die Wallfahrer waren zu Fuß im Norden Spaniens viele Kilometer gepilgert und hatten gute Erfahrungen gemacht. Als meine Freundin vom Bahnhof nach Hause lief, kam sie auf den letzten 100 Metern an einer Apotheke vorbei. Dort sah sie im Schaufenster Blasenpflaster und Fußcreme. Außerdem gab es drei Poster, eines davon mit einem Spruch von Thich Nhat Hanh, auf dem stand: „Ich bin angekommen – ich bin daheim. Mein Ziel ist der nächste Schritt.“

Meine Freundin, etwas aufgewühlt und glücklich-müde, war von dieser „Begrüßung“ so gerührt, dass sie zu weinen anfing. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte, weil sie fast den Eindruck hatte, diese Gegenstände und dieser Spruch seien allein für sie in diesem Schaufenster gelegen und hätten seit Wochen auf sie gewartet.

Als wir über dieses Erlebnis sprachen, stellten wir fest, dass diese Wertschätzung des Alltags in allen uns bekannten seriösen religiösen Traditionen vorkommt. Offensichtlich ist es eine Gefahr für uns Menschen, uns in andere Zeiten, Kulturen und Situationen zu wünschen. Deshalb ist es für einen ernsthaften spirituellen Weg immer gut, zu prüfen, was versprochen wird: Es gibt Angebote, die versprechen in einem Tagesseminar das vollkommene Glück...

Bei den guten religiösen Wegen dagegen wird nicht verschwiegen, dass es unter Umständen mal Anstrengung und Mühe braucht. Es geht schließlich darum, in der Normalität, Banalität und Gewöhnlichkeit des Alltags Gott zu finden.

Das Christentum ist mit seinen Ratschlägen zur Bewältigung des Alltags sehr realistisch. Das Wort „Alltag“ kommt zwar in der gesamten Bibel nicht vor – offensichtlich war das kein Thema für die Leute damals. Dennoch hat das Christentum im Verlauf seiner Geschichte vielfältigste Formen und Methoden entwickelt, die zur spirituellen Gestaltung des Alltags helfen und dazu beitragen, dass der Mensch „ankommt“ und sich „daheim“ fühlt.

Auch der engagierte Buddhismus, dessen Vertreter Thich Nhat Hanh ist, betont bei jeder Gelegenheit, dass der Alltag der Ort ist, an dem sich die entscheidenden Dinge abspielen.

Um die nächsten Schritte einzuüben, kann das Wallfahren eine Hilfe sein. Besonders das Pilgern nach Santiago wurde von vielen Christen in den letzten Jahren wieder entdeckt. Es ist ein Unterschied, ob ich nach einer Wallfahrt wieder zu Hause bin oder schon immer zu Hause war. Dennoch ist in beiden Fällen der nächste anstehende Schritt das Ziel.

Schwester Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung in Leipzig