08.10.2020

Prophezeiung des Jesaja

Hoffnung hat Kraft

Das Leben ist nicht leicht, schon gar nicht zur Zeit des Jesaja. Kriege und Hunger und Krankheit – das war Alltag vor 2500 Jahren. Trotzdem oder gerade deshalb, sagt Jesaja, sollen die Menschen die Hoffnung nicht aufgeben. Gott rettet!

imago images / ZUMA Wire
Nur wer Hoffnung hat, kann die Welt verändern: Ein Graffiti in London zeigt den Bürgerrechtler Martin Luther King. 

Von Susanne Haverkamp 

Es ist ein Hoffnungslied, wie man es in schweren Stunden singt, allen Umständen zum Trotz. Der Herr wird uns retten – und dann wird alles großartig. „Feinste fette Speisen“ statt trockener Fladen. „Erlesene, reine Weine“ statt abgestandenem Wasser. „Er wird die Tränen abwischen“ statt der Trauer um die Toten von Kriegen, Seuchen und Armut. Das ist doch nur Vertröstung, sagen manche. Hoffen auf den Himmel, weil es auf der Erde nicht auszuhalten ist. Andere sagen: Nein, Hoffnung ist vielleicht die einzige Kraft, die Veränderungen herbeiführen kann. Vier Beispiele:

Hoffen auf Gerechtigkeit

„I have a dream – Ich habe einen Traum.“ Das, was der baptistische Pastor Martin Luther King in seiner berühmten Rede formulierte, klingt geradezu biblisch. Etwa, wenn er hofft, „dass der helle Tag der Gerechtigkeit anbricht“, dass „das Recht strömt wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom“. Oder wenn er sagt: „Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen.“ Eine Vision, die der des Jesaja in nichts nachsteht.

Und es ist eine Vision für heute. Gleichberechtigung nach 200 Jahren der Unterdrückung von schwarzen Menschen will Martin Luther King durch friedlichen Widerstand erreichen – und aus der Kraft seines Glaubens. „Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen (...) Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden.“

Martin Luther King hat nur erste Schritte erlebt; am 4. April 1968 wurde er von einem vorbestraften Rassisten erschossen. Aber ohne seine Vision und ohne seine feste Hoffnung, dass sie eines Tages wahr wird, müssten Schwarze heute immer noch den Platz im Bus für Weiße räumen. 

Hoffen auf Wohlstand

So wortgewaltig wie Martin Luther King war Adolph Kolping nicht. Aber auch er hatte einen Traum: den von sozialen Veränderungen. Er selbst war in Armut aufgewachsen, musste mit 13 die Schule verlassen. Erst als er 24 war, konnte er durch die Unterstützung seines Pfarrers das Gymnasium besuchen, Theologie studieren und Priester werden.

Seine erste Kaplansstelle führte ihn nach Elberfeld. Hier tobte die Industrielle Revolution. In den neuen mechanischen Textilfarbriken und in Chemieunternehmen, die mit Farben experimentierten, schufteten Männer, Frauen und Kinder unter den unwürdigsten Umständen mit niedrigstem Lohn und ohne jeden Arbeitsschutz. Und eigentlich sprach nichts dafür, dass sich das ändern würde; die herrschende Klasse war zu mächtig.

Doch Adolph Kolping war einer mit Sinn für Gerechtigkeit. Und voller Hoffnung, dass Tatkraft etwas bewirken kann. „Was hilft das Klagen, was hilft das Seufzen bei dem Übel, wenn nicht Hand angelegt wird, es zu verhüten?“, predigte er. Und widmete sich vor allem den jungen alleinstehenden Handwerkern, sammelte sie und warb dafür, in jeder größeren Stadt für sie Hospize einzurichten, „damit sie nicht in die liederlichen Herbergen kommen, wo der Teufel haust“. Kolping konnte nicht die Welt verändern – aber sie ein bisschen besser machen. Getragen vom Glauben und von der Hoffnung auf Veränderung.

Hoffen auf Glück

Die Hoffnung ist eine gewaltige Kraft – auch für jeden Einzelnen. Wen schwere Krankheit trifft, der kann verzweifeln. Aber die Medizin weiß schon lange, dass Glaube und Hoffnung eine heilsame innere Stärke hervorbringen können. Jeden Krebs besiegen können sie nicht – viele hoffen vergeblich. Aber die Hoffnung, die sprichwörtlich zuletzt stirbt, gibt die Kraft, durchzuhalten.

Andere Menschen leben in schwierigen Verhältnissen. Kinder etwa, die Gewalt erfahren. Familien, die vor Krieg flüchten. Arbeitslose, die trotz aller Mühen nichts finden, Süchtige, die nicht von Alkohol oder Drogen wegkommen. Wieder andere haben einen schweren Verlust erlitten und trauern. Ein dunkler Tunnel scheinbar ohne jeden Lichtblick. Wer in solchen Situationen nicht einen Funken Hoffnung behält, dass sich das Leben wieder zum Guten wenden und Glück bereithalten kann, wird es schwerhaben, aus dieser Dunkelheit herauszukommen. Das Gegenteil von Hoffnung ist Resignation – und die hilft nichts und niemandem.

Hoffen auf Zukunft

Die Vision des Jesaja trägt beides in sich: eine zeitliche und eine ewige Komponente. Wenn er von „jenem Tag“ spricht, an dem der Herr rettet, dann meint er sowohl das Leben im Hier und Jetzt wie auch eine kommende Herrlichkeit. Beides ist gleich wichtig, und an beidem hat Gott seinen Anteil. „Gott rettet. Auf ihn setzen wir unsere Hoffnung.“ Was nicht heißt, dass Gott das Gute herbeizaubert. Dass Essen und Trinken für alle da ist, dass Gerechtigkeit und Frieden herrschen, dass Trauernde getröstet werden, daran müssen Menschen arbeiten – kraft ihrer Hoffnung auf Gottes Beistand.

Und dann ist da noch die Zeit danach. Wenn Gott „die Hülle verschlingt, die alle Völker verhüllt, und die Decke, die alle Nationen bedeckt“, wenn „der Tod für immer verschlungen“ ist. Es ist genau diese Hoffnung, die Christen haben und die über rein menschliche Hoffnungen hinausgehen. Nicht, weil sie vertrösten, sondern weil sie Kraft geben. Weil wir ahnen: Wir müssen im Hier und Jetzt nicht alles schaffen und nicht alles auskosten. Das wahre Festmahl kommt noch.