28.01.2021

Historiker Bernd Schäfer zu den Erinnerungen Kardinal Meisners

Kungeln mit der Staatsmacht

In seinen nach seinem Tod veröffentlichten Erinnerungen geht Kardinal Joachim Meisner hart mit einigen Vertretern der katholischen Kirche in der DDR ins Gericht. Der Historiker Bernd Schäfer, der in den 1990er Jahren an der Aufarbeitung der DDR-Kirchengeschichte mitgearbeitet hat, äußert sich dazu.

MEISNERS ERINNERUNGEN

Die Lebenserinnerungen von Kardinal Joachim Meisner sind inzwischen in fünfter Auflage unter dem Titel „Wer sich anpasst, kann gleich einpacken“ im Herder-Verlag Freiburg/Br. erschienen (ISBN 978-3-451-39316-7, gebunden 24 Euro, als eBook 18,99 Euro). Meisner hatte seine Erinnerungen der Journalistin Gudrun Schmidt erzählt, die daraus das Manuskript fertigte, das er selbst noch bearbeitet hat. Veröffentlicht wurden die Erinnerungen erst drei Jahre nach seinem Tod.

 

Kardinal Joachim Meisner, einer der in der Weltkirche einflussreichsten Kardinäle der deutschen Kirchengeschichte, hat postum seine Erinnerungen veröffentlichen lassen. Sehr viel wird darin über die katholische Kirche in der DDR und seine Amtszeit als Bischof im geteilten Berlin von 1980 bis 1989 gesagt. Dabei gibt es auch zahlreiche kritische Anmerkungen – über den früheren, 1996 verstorbenen Dresdner Bischof Gerhard Schaffran und die ebenfalls verstorbenen Ost-Berliner Prälaten Gerhard Lange (+2018) und Paul Dissemond (+2006).
Mit Bischof Schaffran konnte ich persönlich nie sprechen, weil er in seinen letzten Lebensjahren schwer krank war. Und die Prälaten Lange und Dissemond wussten, warum sie nie auch nur ein Wort mit mir wechselten. Mit Kardinal Meisner in Köln sprach ich dagegen in den 1990er Jahren oft. Vieles, was er mir damals sagte, findet sich nun auch in seinen Erinnerungen.
Als der Erfurter Weihbischof Meisner 1980 Bischof von Berlin wurde, ging der Vorsitz der Berliner Bischofskonferenz nicht an den noch Unerfahrenen, sondern auf zwei Jahre befristet an Bischof Schaffran aus Dresden. Was Meisner damals einleuchtete, war aber auch eine Strategie der noch von Kardinal Alfred Bengsch (Bischof in Berlin von 1961 bis 1979) Beauftragten für Gespräche mit der Staatssicherheit (Dissemond) und dem Staatssekretär für Kirchenfragen (Lange). Mit einem Vorsitzenden im fernen Dresden wollten die beiden Beauftragten  in Berlin die Fäden der Kirchenpolitik weiter ziehen und zu einem kooperativeren Verhältnis mit der DDR gelangen.

Antrittsbesuch bei Erich Honecker
Bischof Schaffran selbst war ebenfalls eher einem partnerschaftlichen Verhältnis mit der Staatsmacht zugeneigt. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass er ohne Not und Druck mit Lange und Dissemond im Januar 1981 in Berlin in den Staatsrat zu einem „Antrittsbesuch“ bei Erich Honecker marschierte. Nach Ablauf der zweijährigen Übergangsfrist wollte Dissemond, der auch  Generalsekretär der Berliner Bischofskonferenz war, mit einem Verfahrenstrick Schaffrans Amtszeit als deren Vorsitzender bis 1985 verlängern. Als sich Schaffran, den laut Meisners Erinnerungen mit dem gerissenen SED-Kirchenstaatssekretär Klaus Gysi auch gemeinsamer privater Alkoholkonsum verband, 1982 von letzterem überreden ließ, sein Veto gegen die Verlesung eines bereits fertigen gemeinsamen Hirtenbriefes der Bischöfe einzulegen, arbeiteten Meisner und vor allem Bischof Heinrich Theissing aus Schwerin erfolgreich daran, Schaffran in einer langen Nacht zum Rücktritt zu bewegen. Die Bedeutung dieser Nacht ist alles andere als zu unterschätzen. Damit war die fatale schiefe Ebene der katholischen Kirchenführung in Richtung Staatsnähe aufgehalten und schlug mit Meisner als neuem Vorsitzenden der Bischofskonferenz wieder eine andere Richtung ein.

Überfordert und unberechenbar
In Berlin ließen Dissemond und Lange allerdings wenige Gelegenheiten aus, intern gegenüber dem DDR-Staatsapparat Meisner hinter dessen Rücken als überfordert, unberechenbar und gefährlich darzustellen. Nur sie könnten das Staat-Kirche-Verhältnis in vertrauensvoller Kooperation auf Kurs halten. Meisner misstraute vor allem Dissemond. Bei Lange war er sich nicht sicher. Deshalb verhinderte er eine weitere Amtszeit Dissemonds als Generalsekretär der Bischofskonferenz und löste ihn auch als Beauftragten für die Gespräche mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) ab. Das hinderte Dissemond nicht daran, sich weiter mit der Stasi zu treffen, und wie bisher Geschenke, Getränke und einen Orden in konspirativen Objekten oder Lokalen an und zu sich zu nehmen. Vor Meisner schwor er auf die Bibel, dass er keine Kontakte mehr unterhalte. MfS-Oberst Hans Baethge und Prälat Paul Dissemond, der zudem korrumpierbar war, waren in gewisser Weise fast befreundet. Vieles davon kam erst nach 1993 sukzessive und quälend heraus. Dissemond agierte oft wie ein Spieler, und so wusste er, dass er ein sehr schlechtes Blatt auf der Hand hatte, weshalb er sich entschied, einfach nicht mitzuspielen: Er schwieg eisern, als Vorwürfe in den Medien aufkamen.
Oft wurde nach dem Erscheinen von Meisners Erinnerungen gefragt: Wenn er Lange und Dissemond darin des „Verrats“ beschuldigt, warum hat er sie denn nicht abgelöst? Nun, bei Dissemond hat er es wie geschildert versucht, auch wenn es nicht allzu weit führte. Im Falle von Lange konnte Meisner zu DDR-Zeiten nicht wissen, was dieser über ihn sagte. Vor vielen Gesprächen beim Staat erbat Lange untertänig Meisners Segen für seine Aufgabe, nur um ihn und andere dann in diesen geheim bleibenden Gesprächen wieder und wieder hochmütig zu unterminieren. Wie sehr Meisner gerade das bis zu seinem Tod nahe ging, lässt sich in seinen Erinnerungen drastisch nachlesen.
Nach der Wende gründete Prälat Lange eine „Arbeitsstelle für Zeitgeschichte“ im Berliner Ordinariat und erhob den Anspruch, federführend für die gesamte ehemalige DDR die Geschichte der katholischen Kirche publizistisch aufzuarbeiten. Er propagierte nun, dass die Kirche immer im Sinne von Kardinal Bengsch auf größter Distanz zum Staat gewesen sei und bezeichnete die DDR als eine „organisierte Räuberbande“.
Bevor ich begann, für die Arbeitsgemeinschaft der Bischöfe Region Ost zu arbeiten, sprach ich 1992 auch mit dem für die Kirche zuständigen MfS-Hauptabteilungsleiter XX/4, Joachim Wiegand. Es war eine unangenehme Unterhaltung mit einem vormals mächtigen Mann voller Zynismus. Als ich ihn nach Lange fragte, lachte er nur auf und grinste breit. Im selben Jahr führte ich ein langes Gespräch mit Hermann Kalb, dem langjährigen Stellvertreter des DDR-Staatssekretärs für Kirchenfragen und in dieser Funktion Langes permanenter und vertrauter Gesprächspartner. Nachdem er mir darlegte, wie gut er mit Lange zusammen gearbeitet hatte und wie wichtig das alles für die DDR gewesen sei, antwortete ich, dass Lange das heute anders sehe. Da wurde Kalb energisch: „Er lügt. Ich sage Ihnen: Wenn ich ihn jetzt deswegen anrufen würde, dann sitzt er in einer Stunde da, wo Sie jetzt sitzen, und versucht mich zu beschwichtigen.“

Ausgesprochen, was gesagt werden muss
Diesen Triumph durften Männer wie Wiegand und Kalb nicht bekommen: Gerhard Lange musste aus der offiziellen kirchlichen Aufarbeitung als selbst ernannter kirchlicher Erklärer der DDR verschwinden, um die katholische Kirche im Osten nicht erpressbar und unglaubwürdig in den Morast gestreuter Enthüllungen sinken zu lassen. So geschah es. Kardinal Meisner gebührt das Verdienst, hierzu aus Köln mitgeholfen zu haben. Auch wenn manche seiner Erinnerungen nun verstören mögen: Man muss ihm dankbar sein, ausgesprochen zu haben, was gesagt werden muss. Nur wenn auch die negativen Seiten der Geschichte der katholischen Kirche in der DDR benannt werden, leuchtet um so klarer das Bild einer vielfältigen Kirche auf, die nicht zu dem wurde, was die DDR aus ihr machen wollte.

Der Autor lehrt an der George Washington University in Washington D.C. und war von 1993 bis 1997 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Aufarbeitung der AG Bischöfe-Region Ost. 1998 erschien sein Buch „Staat und katholische Kirche in der DDR“ im Böhlau-Verlag Köln/Weimar.