12.09.2019

Peter Seidel besuchte seinen Heimatort Deutsch-Wartenberg

Heimkehr in die Erinnerung

Peter Seidel aus Leipzig besuchte seinen Heimatort Deutsch-Wartenberg in Schlesien. Er gehört zu den Vertriebenen, die sich noch gut erinnern können. Im heutigen Otyn kam es zu zahlreichen Begegnungen.

Das Familienkreuz brachte Peter Seidels Mutter 1945 zu den Schwestern ins damaligen St. Augustinerstift, einem kleinen Krankenhaus. Dort befindet es sich in der Sakristei. Peter Seidel konnte den Schwestern Agnieszka und Teresa die Geschichte erzählen. Peter Seidel (85) ist seiner Tochter Ricarda Goppel dankbar, dass sie ihm die Möglichkeit schenkte, seine alte Heimat noch einmal zu sehen.    Fotos: Holger Jakobi

 

„Hier im Teich haben wir gebadet und haben Schilf für die Prozession zu Fronleichnam geschnitten. Im Winter sind wir Schlittschuh gelaufen. Wir Kinder waren davon so begeistert, dass unsere Mutter erlaubte, die schweren Schlittschuhe auf der Flucht mitzunehmen.“ Peter Seidels Erinnerungen an seinen Heimatort Deutsch-Wartenberg (Otyn) sind tief verankert. „Die Erinnerung ist der Ort, aus dem niemand vertrieben werden kann“, sagt er. Seine Tochter Ricarda Goppel, Enkelsohn Valentin, Nichte Beate Adler und ihr Mann Bernward, die Dolmetscherin Ursula Grundt aus Seidels Leipziger Kirchgemeinde St. Georg sowie sein Freund Herbert Müller begleiteten ihn im August auf seiner dreitägigen Reise in die Vergangenheit. Ursula Grundt betone, dass sie froh darüber ist, dass alle polnischen Gastgeber offen und neugierig auf den Besuch sind. Peter Seidel ergänzt: „Es beeindruckt mich sehr, zu wissen und zu erfahren, dass die Menschen hier Interesse an meiner Geschichte haben.“
 

„Wenn die Turmuhr achte schlägt …"
Der zweite Tag beginnt mit einem Gedenken am drei Meter hohen Holzkreuz im Vorgarten der ehemaligen Seidel-Bäckerei, das sorgfältig gepflegt und geschmückt wird. Wieder kommen Erinnerungen: Im Nachbarhaus lebte der Glasermeister Franke. „Der war alt und krank und beim Lied ,Der Mond ist aufgegangen’ haben wir Kinder immer an ihn gedacht, wenn es hieß: ,So legt euch denn ihr Brüder / in Gottes Namen nieder. / Kalt ist der Abendhauch. / Verschon uns, Gott, mit Strafen / und lass uns ruhig schlafen / und unsern kranken Nachbarn auch‘. Das vermittelte uns unsere Mutter.“
Der Weg führt vorbei an der alten katholischen Schule. „Wie lange ich sie besuchte, weiß ich nicht mehr. Ich glaube bis zur dritten Klasse. Aber ich weiß noch genau: Hier herrschten alte Sitten.“ Lehrer Karl Bauch war bekannt für Strenge und Schläge. Die Schüler halfen sich mit einem Spottvers, den Peter Seidel aus dem Ärmel schüttelt: „Wir nannten den Schulmeister Bauch kurz ,Chefko‘ und haben gerufen: ,Wenn die Turmuhr achte schlägt, kommt der Chefko angefegt, mit dem Sennstock (Rohrstock) unterm Arm, prügelt er uns blau und warm, blau und warm ist ungesund, Chefko ist ein dummer Hund‘.“ Was aus Bauch geworden ist, weiß Peter Seidel nicht.

 

Begegnung mit der Bürgermeisterin der Stadt Otyn.

 

Peter Franz Hermann Seidel – so sein vollständiger Name – wurde am 22. Februar 1934 in Deutsch-Wartenberg geboren. Er ist das zweite Kind der Eheleute Franz Josef und Elfriede Magdalena Seidel, geborene Krause. Sie stammte aus Trebnitz bei Breslau. Seinen Vater verlor er früh. Er starb im März 1939 an einer Infektion. Von da an war die Mutter mit den fünf Kindern allein.
Die Flucht vor der Roten Armee erfolgte auf Anweisung der deutschen Behörden am 4. Februar 1945. Das Ziel waren Verwandte, die in Altkirch bei Sagan (Zagan) lebten. Dort wurde die Familie von der Front überrollt und kehrte mit Wagen und Pferd – das Peter Seidel am Zügel führte – die 50 Kilometer nach Deutsch-Wartenberg zurück. Er erinnert sich: „Unsere Mutter hoffte, dass die deutsche Zeit wiederkommt. Sie wusste nicht, wohin sie als Witwe mit ihren Kindern in den Kriegswirren sollte.“ Im Juni 1945 kamen dann die aus den einst polnischen Ostgebieten vertriebenen Polen. Die Miliz forderte die Seidels mit Befehl auf, ihr Haus zu verlassen. „Wir hatten keine Wahl. Unsere Familie musste bis zur endgültigen Vertreibung Ende 1946 in nur einem großen Zimmer des verlassenen Gutes, dem Dominium, wohnen. Mutter musste auf dem Feld arbeiten. Wir größeren Kinder hüteten die Kühe der nun polnischen Bauern.“
Otyns Bürgermeisterin Barbara Wróblewska zeigt großes Interesse an Peters Seidels Familiengeschichte und informiert über die Entwicklung der ortsnahen Region an der polnischen Oder. Persönlich ist sie dankbar darüber, dass Otyn seit zwei Jahren Stadtrecht hat. Das Familienbuch der Seidels wird künftig als Kopie mit anderen Zeugnissen im Stadtarchiv aufbewahrt. Barbara Wróblewska betont, dass Peter Seidel und sein Enkelsohn Valentin Goppel immer gern gesehene Gäste im Ort und im  Rathaus sind.
Nächste Station ist die Kirche „Zum heiligen Kreuz“, wo Kaplan Zbigniew Tartak und Gemeindemitglied Anna Michalska warten. Peter Seidel kniet am Altar genau dort, wo er  als Ministrant die Messe verfolgte. In einem Ausstellungsraum im Kirchturm wird an die deutsche Zeit erinnert. Gesang- und Gebetbücher, eine Predigtsammlung und Messbücher werden gezeigt.
Anna Michalska, die 1946 in Otyn geboren wurde, lebt heute mit ihrem Mann im einstigen Seidel-Haus und lädt zum Kaffee ein. Ihr Wohnzimmer befindet sich im ehemaligen Laden der Bäckerei. Peter Seidel sagt: „Es ist doch ein schönes Bild, dass wir gerade hier, wo Brot und Gebäck verkauft wurden, bei Kuchen und Kaffee zusammensitzen.“ Schließlich geht es in den Garten. Etwas Erde ausgraben, gehört dazu. Peter Seidel zeigt stolz seinen gefüllten Behälter: „Eine Hand voll Heimaterde für meine ältere Schwester Monika und mich. Für sie ist es ein Schatz.“
 

Anna Michalska und ihr Mann leben in dem Haus, das Peter Seidel einst Zuhause nannte.

 

Erinnerung an Erzpriester Otto Stephan
Zurückkommen will Seidel auf keinen Fall. Aber Otyn bleibt seine Heimat, wie er sagt. Seine Reise ist voller Emotionen, die sich auf die Begleiter überträgt. Etwa beim Vaterunser am Grab von Erzpriester Otto Stephan. Stephan war von 1920 bis 1946 der letzte deutsche Pfarrer am Ort. Er lernte Polnisch, um die nachkommende Gemeinde auch nach der Vertreibung der Deutschen betreuen zu können. Eine polnische Lokalzeitung würdigte ihn im Zusammenhang mit der Anbringung der Gedenktafel in der Vorhalle im Kirchturm 1999 so: „Pfarrer Otto hat die polnischen Gläubigen als seine Pfarrkinder behandelt, für ihn war der Mensch wichtig und nicht seine Nationalität.“ Peter Seidel erinnert sich: „Er war ein großer, stämmiger Mann, vor dem wir hohen Respekt hatten. Zum Pfarrhaus gehörte damals eine Landwirtschaft mit Federvieh, Schweinen, Kühen und Pferden.“ Doch das Leben des Erzpriesters endete schlimm. Otto Stephan wusste um ein Versteck, in dem Kelche und andere liturgische Dinge vor der anrückenden Front versteckt waren. Stephan wurde denunziert und von der Miliz nach Grünberg (Zielona Góra) verschleppt und gefoltert. Als gebrochener Mann kehrte er nach Otyn zurück. Dort starb er wenige Tage später am 16. Juli 1946. In der Kirchen-Vorhalle findet sich weiter eine Gedenktafel an Pfarrer Antoni Lisak, den ersten polnischen Seelsorger. Peter Seidel war unter beiden Ministrant. Bis heute kann er das Kreuzzeichen und Teile des Ave Maria auf Polnisch beten.
Eng mit der Familie Seidel ist das ehemalige Krankenhaus St. Augustinusstift verknüpft. Hier wurde Peter Seidel geboren, hier ging er in die Spielschule der Elisabethschwestern und hier wird das Familienkreuz aufbewahrt. „Unsere Mutter brachte es im Februar 1945 zu den Schwestern. Sie wollte nicht, dass es den Russen in die Hände fällt.“ Durch den Besuch von Peter Seidel wissen die polnischen Schwestern um diese Geschichte. „Es ist mir wichtig zu zeigen, dass wir als Familie Teil der Geschichte des Ortes sind. Wir wollen nicht zurück, wir wollen nichts wiederhaben. Wir müssen akzeptieren, dass Otyn heute die Heimat von Menschen zweier Völker ist. Es geht um Nachbarschaft, um gute Nachbarschaft.“

Von Holger Jakobi