10.12.2020

Online-Pastoraltag im Bistum Magdeburg: Verschwörungstheorien und populistische und rassistische Positionen in den Gemeinden

Häufiger einschreiten

Auch in Gemeinden vertreten Menschen derzeit Verschwörungstheorien und populistische und rassistische Positionen. Ein Online-Pastoraltag im Bistum Magdeburg widmete sich dieser Situation und dem, was dagegen zu tun ist.


Von Eckhard Pohl

„Die Regierung will die Demokratie außer Kraft setzen.“ „Alle sollen beim Impfen einen Chip eingesetzt bekommen.“ „Die Flüchtlinge haben Corona mitgebracht.“ „Die Juden sollen sich nicht so haben.“ „Man wird ja noch das Wort ,Mohr‘ benutzen dürfen.“ Solche und ähnliche Sätze äußern im Gespräch oder online auch manche Gemeindemitglieder oder Mitarbeiter von Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft. „Wenn in einer Gemeinde oder Einrichtung jemand populistisch agiert, um zu polarisieren und zu zerstören, gilt es zu handeln“, sagt Susanne Brandes von der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) im Bistum Magdeburg. „Wenn ich merke, dass ich da nicht allein zurechtkomme, muss ich externe Hilfe holen, zum Beispiel beim Verein ,Miteinander e.V.‘ Magdeburg oder bei der KEB.“

Vieles an öffentlich formulierter Kritik an den Corona-Maßnahmen finde sie „wirklich berechtigt“, zumal viel zu wenig über die Verordnungen geredet und in den Parlamenten diskutiert worden sei, betonte Brandes, die bei einem Online-Pastoraltag im Bistum Magdeburg zum Thema zu den Teilnehmern einer Podiumsdiskussion gehörte. Die Auseinandersetzung um die Maßnahmen, so Brandes, müsse geführt werden und es müsse „möglich sein, Unmut auf die Straße zu bringen“. „Aber“, so die Sozialpädagogin und KEB-Referentin weiter: Dort, wo diese Kritik mit Verschwörungstheorien, „antisemitischen Feindbildern“ und „rassistischen Motiven in Verbindung gebracht“ werde, müsse eine Grenze gezogen werden. Das könne man lernen, die KEB etwa biete dabei Hilfe an. Brandes: „Ich würde mir wünschen, dass noch viel viel mehr Menschen in den kleinen täglichen Situationen intervenieren.“

Tiefer Verunsicherung mit Empathie begegnen

Der Online-Pastoraltag stand unter dem Thema „Ernsthafte Gelassenheit – eine christliche Tugend im Gegenüber zu Angst, Verunsicherung und Verschwörungsvermutungen“. Der Berliner Theologe, Philosoph und Soziologe Andreas Lob-Hüdepohl gab dazu eine Einführung. Derzeit gebe es tiefe Verunsicherungen, sagte Lob-Hüdepohl, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrates ist. Angst zu haben, sei zunächst einmal urmenschlich und lebenswichtig. Der springende Punkt jedoch sei, wie man damit umgeht.

Bekannte Muster, massive Verunsicherungen wie die derzeitigen zu bewältigen, seien zum Beispiel, sich unter eine Autorität zu stellen, „(rechts-)populistischen Versuchungen mit einem rigoristischen Weltbild“ zu erliegen oder aber Verschwörungstheo-
rien zu verfolgen, um angesichts der Unüberschaubarkeit der Verhältnisse zu klaren Feindbildern und Schuldigen zu kommen.

Christen, so Lob-Hüdepohl, sollten der Situation jedoch mit „ernsthafter Gelassenheit“ begegnen. Diese erwachse als christliche Tugend aus dem Glauben an „die letztlich obsiegende, rettend heilende Gegenwart Gottes in unserem und dem Leben der vielen“ und sei biblisch gut begründet. Von Christen sei gefordert, „besorgt und leidempfindlich für die Versehrbarkeiten und Versehrungen dieser Welt, aller Menschen“ zu sein und „zu einer Entängstigung“ beizutragen, so der Theologe. Den Begriff der „Ernsthaften Gelassenheit“ habe er aus der Arbeitshilfe „Dem Populismus widerstehen“ der Deutschen Bischofskonferenz übernommen. Dort heißt es: „Wer sich von Gott gehalten weiß, kann sich mit ernsthafter Gelassenheit auf die Welt und ihre Herausforderungen einlassen. Ernsthaft ist sie, weil sie empfindsam ist für die Nöte und Sorgen der Menschen. Gelassen darf sie sein, weil sie Gott in ihrem Rücken weiß.“

Die Leiterin des Fachbereichs Pastoral in Kirche und Gesellschaft, Friederike Meier, verglich die Situation in Kirche und Gesellschaft mit der in den Familien. „Da denkt man, einer Meinung zu sein, und plötzlich äußert jemand eine andere Position, und es kann bis zum bittersten Streit kommen.“ Wie in Familien würden auch in Pfarreien manche Themen nicht benannt, weil man Harmonie möchte. Nötig sei aber, differenziert miteinander zu sprechen, einander zuzuhören und zu verstehen zu versuchen, aber auch Unrecht zu benennen. Das müsse gelernt werden.

„Wer verantwortlich in einer Pfarrei oder engagiertes Mitglied ist und feststellt, dass es rechtspopulistische Positionen gibt und/oder Verschwörungstheo-
rien vertreten werden, muss das ansprechen, auch in den Gre-
mien, und gegebenenfalls externe Moderatoren hinzuziehen, um langanhaltende Dauerauseinan-
dersetzungen zu verhindern. Wichtig sei, „Menschen nicht per se zu verurteilen und immer wieder zu innerer Ruhe zurückzufinden“, um andauernde, verletzende Konflikte zu vermeiden. Nötig sei „zu differenzieren, auch Position zu beziehen, aber auch zuzugestehen: Der andere hat nicht die Wahrheit, aber eben auch eine Lebenswahrheit, die ihn so agieren lässt, wie er es tut“.

Den Dialog suchen, aber auch konsequent handeln

Lob-Hüdepohl verwies auf den Unterschied zwischen Diskussion und Dialog. Während beim ersteren die Fakten und Positionen aufeinander träfen, gehe es beim Dialog zunächst darum, den anderen über das Wort in seinem Sosein wahrzunehmen und „in seiner Person stark zu machen“. Es sei ausgesprochen wichtig, Menschen ernst zu nehmen, um den Boden für einen fruchtbaren Diskurs zu bereiten.

Die Konfliktberaterin und Diplom-Theologin Christine Böckmann vom Verein „Miteinander e.V.“ Magdeburg stellte demgegenüber fest: „Wenn wir ernst nehmen, dass Menschen an ihre Verschwörungserzählungen ähnlich fest glauben wie wir an Christus, kommen wir mit Argumenten nicht weiter. Da geht es eher auf einer emotionalen Ebene, für die es aber einen entsprechenden Rahmen und Ort braucht.“ Wenn etwa Menschen, die den Mund-Nase-Schutz nicht tragen wollen, auf solche stoßen, die darauf dringen müssen, lohne es sich gar nicht, auf Fakten einzugehen. Da müsse man eher auf der Regel-
einhaltung beharren und diese konsequent durchsetzen.

Die Konfliktberaterin erlebt „aber auch Unklarheit in der persönlichen Haltung von Menschen hinsichtlich von Fragen wie: Wo sind unsere Grenzen, was ist o.k., was nicht? Wenn ich das vorher klar habe, bin ich im Konflikt nicht so hilflos!“ Böckmann warnte davor, in Gemeinden und Kreisen „Konflikte unterm Deckel zu halten“. Je länger etwas gäre, um so schwieriger könne es werden, Konflikte zu lösen.

Der Pastoraltag kann auf der Youtube-Seite des Bistums Magdeburg angeschaut werden.