31.05.2018

Gregor Gysi Gäste sprach mit Bischof Ipolt über „Gott und die Welt“

Linken fehlt Neues Testament

Im Rahmen des 750. Jubiläumsjahres in Neuzelle lädt Gregor Gysi Gäste ein. Mit Bischof Ipolt sprach er über „Gott und die Welt“.

Bischof Ipolt in Neuzelle im Gespräch mit dem Linken-Politiker Gregor Gysi. | Foto: Raphael Schmidt

Das Refektorium des ehemaligen Klosters Neuzelle war am Abend des 25. Mai Schauplatz einer ungewöhnlichen Veranstaltung, die im Rahmen des Jubiläumsjahres 750 Jahre Kloster Neuzelle stattfand. Denn der erklärte Atheist Gregor Gysi lädt als Gastgeber zu Gesprächen über „Gott und die Welt“ ein. Gast war Bischof Wolfgang Ipolt und die Veranstaltung bereits im Vorfeld ausverkauft.
Die etwa 100 Gäste erfuhren im ersten Teil des Gespräches Vieles über Bischof Ipolt, was Leser des Tag des Herrn-Spezial  mit dem Titel „Brücken bauen“ zur Bischofs-Weihe bereits wussten. Allerdings war nur ein geringerer Anteil der Gäste aus der Pfarrei. Eltern, Kindheit, Jugend und Studium der Philosophie und Theologie, Leben als Christ in der DDR...., Bischof Ipolt erklärte sein Wappen, seinen Bischofsspruch und wie er den Duft Christi verbreitet (sein Wahlspruch).
Nach einer Pause kam der Gastgeber dann auf Gott zu sprechen und ließ Einblicke in seine Sicht auf „Gott und die Welt“ zu. „Ich glaube nicht an Gott, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft“, sagte Gysi. „Bei uns sind nur noch die Religionsgemeinschaften in der Lage, allgemeinverbindliche Moralnormen aufzustellen.“ Mit anderen Worten: „Wir hätten gar keine allgemeinverbindlichen Moralnormen, wenn wir nicht die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland hätten“, sagte Gysi und relativierte gleich danach, indem er hinzufügte: „Natürlich verhalten sich auch Christen nicht nach den Moralnormen, nach denen sie leben sollen“. Ob die Kirche einige, insbesondere Sexual-Normen, nicht besser abschaffen sollte, da von Umfragen her bekannt sei, dass sich die Mehrheit der Katholiken nicht daran hält, brachte der Bischof das Beispiel von der roten Ampel. „Viele gehen bei Rot drüber, doch wer würde deshalb Ampeln abschaffen“, sagte er.
Es ging um Für und Wider des Kohleausstiegs, Umweltschutz und Verlust von Arbeitsplätzen. Auch die Bemühungen des Bischofs für die Siemens-Angestellten wurden von Gysi thematisiert und gelobt. Beim Zölibat macht er sich darüber Gedanken, wem Priester ihr Vermögen vererben würden. Der Zölibat wäre erfunden worden wegen des Erbrechts, damit alles die Kirche bekommt, meinte zumindest Gysi.
 
Zeit für neue Moralvorstellungen
Spricht Gysi von Kirche, Glauben, Christentum, tut er dies mit Hochachtung. „Die katholische Kirche kann sich nicht nach dem Zeitgeist richten“, sagte er. „Das Geniale am Christentum ist das Neue Testament. Das heißt: Du hast eine alte Schrift, die Moralvorstellungen aufschreibt, wie: Auge um Auge, Zahn um Zahn ... Und plötzlich weißt du, die Zeit ist reif, das neu zu sehen. Du willst aber die Schrift nicht aufheben. Und dann kommt eben das Neue Testament. Man darf nicht vergessen: Der Islam und das Judentum haben kein Neues Testament. Das hat auch Folgen“. Gysi kommt auf die Bergpredigt zu sprechen. „Das Geniale – das ist ja die Erfindung der Dialektik – besteht darin, dass dort steht: In der Schrift steht, dann ein Komma und ich aber sage euch... Dann werden eben neue Normen aufgestellt und alte widerlegt, ohne die alte Schrift aufzuheben. Was uns Linken fehlt, ist ein Neues Testament!“
Am Ende sagte Gregor Gysi zu Bischof Ipolt: „Sie wissen, dass ich nicht an Gott glaube, aber eine gottlose Gesellschaft fürchte.“ Anerkennend sagte er: „Herr Bischof, Sie sind der Einzige, den ich kenne, der eine gradlinige theologische Entwicklung in der DDR  genommen hat.“ Und nach der Veranstaltung zeigte sich Gysi erfreut darüber, nun zu wissen, was der Unterschied ist zwischen Weihbischof, Bischof, Erzbischof und Kardinal.
 
Begegnet: Gregor Gysi glaubt nicht an Gott, aber...
„Ich glaube nicht an Gott, weil ich an die Erkennbarkeit der Welt glaube“, sagte Gregor Gysi vorigen Freitag in Neuzelle, nach dem Podiumsgespräch über „Gott und die Welt“. Doch er fügt ein Aber an: „Vereinfacht kann man das auch so ausdrücken: Die Biologie, das Leben auf unserer Erde, ist so genial organisiert, alles ergibt einen Sinn und Zweck, einen Kreislauf. Da könnte man denken, es muss einen Schöpfer gegeben haben. Andererseits sage ich mir, es ist für einen einzigen Schöpfer viel zu komplex und kompliziert. Der Schöpfungsgedanke ist weder zu widerlegen, noch zu beweisen“, sagt Gysi. Er habe die Bibel gelesen, „aber natürlich habe ich sie nicht auswendig im Kopf. Besonders liebe ich den Satz, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr passt, als ein Reicher in den Himmel kommt. Das ist ja klar, dass ich solche Sprüche mag.“
Drei Dinge sind Gysi wichtig: „Zunächst, dass man sich bemüht, nie zurück zu hassen. Als zweites: dass man aufhören können muss zu siegen. Wenn du in einer Ehe drei Mal siegst und dann das vierte Mal auch noch siegst, kannst du zum Scheidungsanwalt gehen. Du musst auch mal absichtsvoll verlieren. Das gilt auch in der Politik“, sagt er. „Das Dritte schreibe ich häufig in meine Bücher. Es ist kurz und heißt: Nimm die Sache wichtiger, als dich selbst!“
Dem Rechtsanwalt und Politiker der Linken, dem Bundestagsabgeordneten in vielen Legislaturen, ehemaligem Fraktionsvorsitzenden und Opposititionsführer und seit Ende 2016 Vorsitzenden der Europäischen Linken, sowie dem Buchautor und Diskutanten in verschiedenen Medien... bleibt wenig freie Zeit. Diese nutzt er „zum Lesen, ich höre gern klassische Musik oder andere, je nach Gelegenheit. Und ich sitze gern in meinem Garten. Das genieße ich, wenn nicht gerade ein Flugzeug drüberfliegt.“
 Zum Thema Tod und der Frage, ob da noch etwas komme, sagt Gregor Gysi, der im Januar 70 Jahre alt geworden ist: „Es gibt das Naturgesetz, dass nicht aus Etwas Nichts wird. Im Umkehrschluss, dass genausowenig aus Nichts Etwas wird. Ich gehe davon aus, dass mit dem Tod das Gefühl, das Bewusstsein, die Gedanken, einfach weg sind. Oder sie gehen irgendwohin, das weiß ich nicht. Das Bewusstsein ist ja da, es existiert. Wir haben Gedanken, wir haben Gefühle. Und da weiß ich auch nicht, wo das bleibt, wenn wir sterben“, sagt er.
Auf die Frage, wie das mit den dialektischen Sprüngen ist – wieso beim Menschen Schluss sein soll, sagt er: „Es gibt Dinge, die nicht vorstellbar sind. Beispiel: Die Unendlichkeit der Materie. Natürlich kann ich mir kein Ende vorstellen, denn: Was kommt danach? Wiederum, die Unendlichkeit sich vorzustellen, ist genauso schwer, Ewigkeit genauso! “
 
Von Raphael Schmidt