14.02.2020

Der Vorsitzende des Erfurter Katholikenrates, Thomas Kretschmer, nahm an der ersten Vollversammlung des Synodalen Weges in Frankfurt am Main teil

Gottes Botschaft weitertragen

Der Synodale Weg ist aus Sicht von Thomas Kretschmer nicht mehr zu stoppen. Die erste Synodalversammlung in Frankfurt am Main habe offenbart, wie viele in der katholischen Kirche echte Veränderung wünschen.

Thomas Kretschmer (zweiter von rechts, vorne) nimmt am Synodalen Weg teil. Die Tagung fand im einstigen Dominikanerkloster Frankfurt am Main statt. – Foto: privat

Der Beginn allein sei schon ein Erfolg, so Thomas Kretschmer. Kretschmer stammt aus Mühlhausen und leitet den Katholikenrat im Bistum Erfurt. Zudem ist er Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Er betont rückblickend: „Eindrucksvoll ist die Mitsorge aller um einen guten weiteren Weg der Kirche deutlich geworden. Es macht mir Mut, gemeinsam Kirche im Geist der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit voranzubringen, ohne sich gegenseitig das Katholischsein abzusprechen.“


Zu tragfähigen Lösungen kommen
Bei der Versammlung in Frankfurt sei ein konstruktiver Geist zu spüren gewesen. „Dabei geht es nicht um das Über-Bord-Werfen der katholischen Lehre, sondern um die Frage, wie wir zu tragfähigen Lösungsvorschlägen kommen, die, wenn sie theologisch fundiert sind, auch vom Vatikan nicht mehr ignoriert werden können.“
Die Vollversammlung ist für den Thüringer Katholiken ein hoffnungsvoller Beginn, der zugleich aber auch die Klippen dieses Reformkurses neuer Art ahnen lässt. Die Debatte habe in bemerkenswerter Breite die sehr unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen, aber auch kontroverse Kirchenbilder aufgezeigt.
„Besonders berührend ist für mich das gemeinsame und konstruktive Ringen um schwierige Fragen und der erkennbare Willen aller Teilnehmer, miteinander zu sprechen und durch einen geistlich getragenen und der Ernsthaftigkeit der Situation entsprechenden Dialog in unserem Reformprozess voranzukommen.
In Frankfurt habe er einen konstruktiven Geist erlebt, der von einer offenen Aussprache und intensivem Hören aufeinander geprägt war. Bischöfe und Vertreter des Kirchenvolks diskutierten offen und öffentlich miteinander. „Dieses Miterleben stimmt mich sehr optimistisch, dass es zu einer größeren Teilhabe an kirchlicher Macht durch alle Gläubigen kommen kann.
Der Reformprozess wurde am 30. Januar mit einer Messe im Frankfurter Bartholomäus-Dom eröffnet. Die inhaltlichen Beratungen begannen am darauffolgendem Freitag. Zunächst wurde über Verfahrensfragen diskutiert. Thomas Kretschmer: „Der Weg durchs Gestrüpp der Geschäftsordnungsanträge und erwartbaren Statements hat sich jedoch gelohnt. Die Geschäftsordnung ist mit über 90 Prozent Zustimmung angenommen. Sie bietet damit eine nicht in Zweifel zu ziehende Grundlage einer ordentlichen Arbeit.“
Auf der Agenda stehen vier große Themen: Die Frage nach der Macht, nach den Frauen, nach Sexualität und den Priestern. „Die etwa 6000 Fragen und Anmerkungen, die über das Internet an die Synodalen gerichtet worden sind, belegen das eindrücklich.“


Wie können Menschen erreicht werden
Der Vorwurf, nur um sich selbst zu kreisen, ist für Kretschmer nicht nachvollziehbar: Gehe es doch bei den Fragen immer auch um die Verortung der Kirche und ihrer Botschaft in der Gesellschaft. „Wie glaubwürdig kann sie sein? Wie kann sie mit ihrer Botschaft von der Liebe und Güte Gottes die Menschen erreichen? Und: Was ist das mit dem Zeitgeist? Kann es, muss es nicht möglich sein, in der modernen Gesellschaft, in ihren komplexen Zusammenhängen, in ihren individualisierten Lebensentwürfen den Heiligen Geist zu entdecken?“
Die erste Versammlung des Synodalen Weges habe gezeigt, welche Chance in diesem „aus Ratlosigkeit entstandenen und unter Qual geborenen Prozess“ steckt. Thomas Kretschmer schreibt: „Da erklärt der Regensburger Bischof Voderholzer, dass er sich unwohl fühle als Teil der konservativen Minderheit – und dann steht Mara Klein aus Magdeburg da und sagt, den Tränen nah, wie es ihr hier geht: jung, nicht männlich, nicht heterosexuell; dass alle sich unwohl fühlen müssten, die sexuelle Gewalt in der Kirche gebe allen Anlass dazu. Da offenbart Janosch Roggel aus dem Erzbistum Paderborn, dass ein Priester ihm diese Gewalt angetan hat und dass die Überlebenden des Missbrauchs auch im ehemaligen Dominikanerkloster in Frankfurt (dem Tagungsort) sitzen, mitten unter den Kirchenverantwortlichen. Da stand die Zeit still, ich hatte Tränen in den Augen!“
„Hat da jemand ein Fenster aufgemacht?“ Diese Frage stellte sich der Vorsitzende des Erfurter Katholikenrates zum Ende der Versammlung. Er schreibt: „Viele hatten Sehnsucht nach Frischluft, manche jedoch Angst vor Zugwinden. Im Synodensaal in Frankfurt war jedenfalls etwas von dem zu spüren, was wir Nachgeborenen immer mit dem Start des Zweiten Vatikanischen Konzils verbinden: Ein Papst, der fordert, die Fenster der Kirche weit auf zu machen – und ein Aggiornamento, eine Wiederannäherung der Kirche an die Zeit zu wagen. Das trifft die Sehnsucht der damaligen Zeit. Und vielleicht auch der heutigen. Sehnsucht, dass sich etwas ändert, dass man sich nicht mehr für seine Kirche schämen muss. Dass das Zeugnis wieder lebendig wird und die Verfasstheit der Kirche ein solches Zeugnis auch zulässt. Dass Menschen eine Heimat finden in dieser Kirche – und dort auf Menschen treffen, die sich mit ihnen auf die Suche nach einem Leben in der Nachfolge Jesu machen.“
Der Vorsitzende des Katholikenrates benannte zudem seine „Bauchschmerzen“ aus den Tagen danach. So über die schwere Kritik von Kardinal Gerhard Müller, der von einem „suizidalen Prozess“ sprach. Kretschmer hält dagegen: „Unser Herr hat nicht den Erhalt einer unbeweglichen Klerikerkirche bis zum Jüngsten Tag versprochen! Wir sind gemeinsam als Volk Gottes auf dem Synodalen Weg unterwegs, das hat die erste Versammlung gezeigt.“ (tdh)