30.06.2020

Streit um die Hagia Sophia in der Türkei

"Erdogan will den Laizismus beerdigen"

Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei urteilt am Donnerstag darüber, ob die Hagia Sophia in Istanbul wieder eine Moschee wird. Erst Reichskirche der Byzantiner, dann islamisches Gotteshaus und seit 1934  Museum - und nun?. Im Interview spricht der Erzpriester der griechisch-orthodoxen Metropolie in Deutschland, Vater Constantin Miron, über die Motive des türkischen Präsidenten Erdogan.

Foto: kna/CHristoph Schmidt
Kirche, Moschee, Museum - und bald? Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei entscheidet über die Zukunft der Hagia Sophia in Istanbul. Foto: kna/Christoph Schmidt


Vater Miron, am Donnerstag entscheidet sich die Zukunft der einst wichtigsten griechisch-orthodoxen Kirche. Welches Urteil erwarten Sie?
Die Hoffnung, dass die Vernunft siegt, stirbt zuletzt. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass die türkische Justiz unter Präsident Erdogan nicht mehr unabhängig ist. Bei so einer emotionalen, populistisch aufgeladenen Frage könnte der Druck zu groß sein und die Moschee-Bewegung Grünes Licht bekommen.


Sie meinen, der Populismus ist Erdogans Hauptmotiv für die "Moscheeisierung" der Hagia Sophia?
Jedenfalls ein sehr wichtiger. Das Ganze ist reine Symbolpolitik. Istanbul hat Hunderte Moscheen, auch viele sehr repräsentative. Bedarf besteht also nicht. Erdogan will aber seine nationalistischen und konservativ-islamischen Wähler bei der Stange halten. Die Türkei steckt wirtschaftlich in der Krise, und in den Umfragen stehen der Präsident und seine Partei AKP nicht mehr so gut da. Außerdem wäre die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee der größte symbolische Triumph für Erdogans Staatsverständnis.


Inwiefern?
Erdogan will das laizistische System von Staatsgründer Kemal Atatürk endgültig beerdigen und die Re-Islamisierug weiter vorantreiben. Wie könnte er das besser demonstrieren, als wenn er die Hagia Sophia, die Atatürk 1934 zum Museum erklärte, wieder zu einer Moschee macht? Gleichzeitig erinnert dieser Akt an die Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Osmanen, denen er außenpolitisch nacheifern will. "Make Turkey Great Again" sozusagen - auch wenn die modernen Rahmenbedingungen im Nahen Osten das so nicht zulassen.


Rein rechtlich ist das Thema Hagia Sophia aber eine innere Angelegenheit der islamisch geprägten Türkei.
Die Frage ist, ob eine "Moscheeisierung" klug wäre. Letztlich nutzt sie doch keinem. Das Verhältnis zwischen Ankara und der EU würde sich dadurch weiter verschlechtern, vor allem zum orthodoxen Nachbarn Griechenland. Obendrein schadet der Schritt dem Tourismus in Istanbul.


Wie bewerten Sie das Agieren der EU in der Streitfrage?
Brüssel hat schon Druck ausgeübt und gefordert, dass der Status quo erhalten bleibt. Aber die EU muss auch aufpassen, dass sie Erdogan nicht in die Hände spielt. Tritt sie zu energisch auf, kann der Präsident wieder behaupten, der "Christenclub" Europa wolle die islamische Identität der Türkei untergraben.


Warum konnte der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., der in Istanbul residiert, als Ehrenoberhaupt aller Orthodoxen bei Erdogan nichts erreichen?
Bartholomaios hat sich gegenüber der türkischen Regierung eine gute Position erarbeitet. Er tritt sehr mutig auf und hat klar gesagt: Wenn überhaupt eine Religion ein Recht auf die Hagia Sophia als Gotteshaus hat, dann wir Orthodoxe. Schließlich haben wir sie gebaut, und sie war 916 Jahre lang eine Kirche. Letztlich hat das Christentum in der Türkei aber eine viel zu schwache Position, um irgendetwas zu bewirken. Nach den Vertreibungen im 20. Jahrhundert leben dort gerade noch 100.000 Christen, etwas mehr als 0,2 Prozent der Bevölkerung.


Traditionell versteht sich ja Russland als Schutzmacht der Orthodoxie am Bosporus. Kam von dort keine Hilfe?
Moskau spielt ein ambivalentes Spiel. Einerseits ist die Hagia Sophia auch für die russisch-orthodoxe Kirche heilig, und Erdogans Kurs sorgt für Verärgerung. Andererseits versucht sich Putin mit ihm über die Lage in Syrien zu einigen und vermeidet weitere Reibungspunkte. Hinzu kommt, dass Bartholomaios 2018 die Autokephalie der neuen ukrainisch-orthodoxen Kirche gegen den Willen des Moskauer Patriarchats anerkannt hat. Das kann man ihn nun spüren lassen, indem man sich im Streit um die Hagia Sophia zurückhält. Womöglich erhöht sich der russische Druck aber, wenn das Gericht am Donnerstag zustimmen sollte.


Was wäre Ihnen als griechisch-orthodoxem Geistlichen persönlich das Liebste? Besteht da nicht der Traum, dass die Hagia Sophia wieder eine Kirche wird?
Nein, die Umwandlung in ein Museum war eine weise Entscheidung Atatürks. Ein angemessener Kompromiss, mit dem alle Seiten fast 90 Jahre lang gut leben konnten. Dabei sollte es bleiben.

kna