26.03.2020

Gläubige in Bernburg laden sich gegenseitig zum Gebet ein

Gemeinde neu leben

Gemeindemitglieder in Bernburg haben eine private Handy-Gruppe ins Leben gerufen. So können sie sich gegenseitig zum Gebet einladen, Informationen austauschen und Hilfe organisieren.

Einstweilen müssen digitale Möglichkeiten wie das Handy helfen, miteinander Gemeinde zu leben, sagt Markus Heinevetter.    Fotos: Markus Heinevetter

„Der liebe Gott hat uns mit den digitalen Medien ein Mittel an die Hand gegeben, um in der Krise Kontakt zu halten und als Gemeinde vielleicht noch etwas enger zusammenzurücken“, sagt Markus Heinevetter aus Bernburg. Vor zehn Tagen hat er angesichts der Corona-Pandemie eine private WhatsApp-Gruppe (Möglichkeit, sich per Handy zu schreiben, Informationen und Fotos zu schicken) für Mitglieder der Pfarrei St. Bonifatius ins Leben gerufen. „Manche Gemeinde hat so etwas schon länger, wir haben es jetzt eingerichtet“, sagt Heinevetter. Etwa 70 Personen und ihre Familien gehören inzwischen dazu. „Wir beten jeden Abend ein für den Tag ins Netz gestelltes Gebet, wir tauschen uns schriftlich per Handy aus und sind notfalls auch in der Lage, praktische Dinge zeitnah zu organisieren“, sagt der Gottesdienst-Beauftragte und Familienvater.
 

Vernetzung als eine Stärke von Kirche
„Die digitale Welt, die auch mit so manchem Irrweg verbunden ist, bietet nun die Möglichkeit, eine der Stärken unserer Kirche, ihre etablierten und rasch agierenden Netzwerke, auf neue Weise zum Einsatz zu bringen“, sagt der 32-Jährige. „Die digitalen Medien ermöglichen den regelmäßigen Kontakt zumindest mit einem Teil derer, für die der Gottesdienstbesuch und die Gemeinschaft in Gruppen und Kreisen Dreh- und Angelpunkt ihres sozialen und geistlichen Lebens ist.“ Allerdings dürfe man dabei all diejenigen nicht aus dem Auge verlieren, die die sozialen Medien nicht nutzen können. „Besonders die Menschen in Pflegeheimen, aber auch alleinstehende Kranke und Alte zu Hause sind jetzt von Einsamkeit bedroht“, ist sich Heinevetter bewusst. „Hier kann das Telefon helfen. Informationen, Impulse und Gebete können die Menschen zudem auch ganz traditionell über den Briefkasten erreichen, wenn sie nicht online sein können.“
In dem Datendienst-Chat der Bernburger Gruppe finden sich inzwischen Gebete, die von Antonie Lange aus der Gemeinde eingebracht werden, Anweisungen und Impulse des Bischofs, Informationen und Gedanken der Teilnehmer. Zudem gibt es jeden Tag einen kurzen Kreuzweg-Impuls für die Österliche Bußzeit.
WhatsApp sei aus Datensicherheits-Gründen nicht das Mittel der Wahl, weiß Heinevetter. „Aber der Dienst ist bei vielen verbreitet und hat etliche Vorteile gegenüber der klassischen Homepage: Geschwindigkeit, große Reichweite und die Möglichkeit zur unmittelbaren Reaktion.“ Schließlich seien jetzt Handeln, Achtsamkeit und Solidarität gefragt, wie Bischof Gerhard Feige es sagt, in der gesamten Gesellschaft und besonders unter den Glaubenden und durch sie. „Dabei können wir erfahren, dass auch unsere Gemeinschaft über das Handy etwas mit Kirche, Seelsorge und Mission zu tun hat. Es zählt der Nächste, das Gebot der Stunde heißt Caritas. Hoffen wir, dass das alles nur eine kurze, vorübergehende Krisensituation ist und dass uns die wärmere Jahreszeit oder pharmazeutische Fortschritte baldige Normalität bescheren. Seien wir aber gewappnet, solidarisch und achtsam, nach innen wie nach außen, falls dem nicht so ist.“
Um eine gewisse Kontinuität im Blick auf Impulse und Informationen zu sichern, entsteht eine Art Redaktionsteam. Daran beteiligen sich Mitglieder des Pfarrgemeinderates, darunter Hauptamtliche, und weitere Gemeindemitglieder, so Heinevetter. Neue Inhalte der Pfarrei-Homepage und des gedruckten Gemeindeboten werden vom Internetbeauftragten der Gemeinde, Andreas Walke, mit in den Austausch in der Gruppe eingebunden. Bislang gebe es gute Akzeptanz  und viel positive Resonanz auf all diese Bemühungen.
 

Markus Heinevetter

Die Einzelnen mit ihrer Not im Blick behalten
„Aber es gibt natürlich auch Herausforderungen und offene Fragen: Werden alle erreicht, zum Beispiel auch durch telefonisches Weitersagen? Fühlen sich alle in der Gemeinde repräsentiert und angesprochen? Gibt es unausgesprochene Nöte, vielleicht formelle oder gar juristische Fragestellungen?“ Das alles müsse sich erweisen und könne nach wenigen Tagen der Erprobung nicht abschließend beantwortet werden. „Letztlich kann es nur ein Angebot bleiben, in welchem wir auf das Wirken des Heiligen Geistes auch in kleinen, scheinbar banalen Dingen vertrauen.“
Die Kartage und Ostern stehen bevor. „Ich  habe mit unserem Pfarrer Thomas Fichtner gesprochen, wie wir angesichts der einschneidenden Maßnahmen die Heilige Woche gestalten können. Vielleicht können wir mit unserer Gruppe dabei im Miteinander von Hauptamtlichen, Gremienmitgliedern und weiteren Gemeindemitgliedern mit unseren Möglichkeiten helfen. Nicht zuletzt aber dürfen die Nöte der Einzelnen nicht aus dem Fokus geraten.“

Von Eckhard Pohl