14.05.2020

Anstoß 20/20

Schurlaub

Den Begriff haben meine kleinen Töchter erfunden. Es ist das, was sich seit ein paar Wochen Tag für Tag bei uns abspielt. Früh Schule am Küchentisch, nachmittags raus an die Luft mit Rollen unter den Füßen und Trampolinausflüge in die Luft.


Die Eltern versuchen sich dabei aufs Homeoffice zu konzentrieren, Telefone klingeln um die Wette und auch das Internet im Dorf ist auf Entschleunigungstrip.
Gott sei Dank gehts uns gut, keiner ist krank, das Gehalt kommt, die selbstgenähten bunten Gesichtsmasken, die uns geschenkt wurden, sehen schick aus. Kein Vergleich zur Situation in anderen Ländern, keine überfüllten Krankenstationen, Massenbeerdigungen und dramatische Entscheidungen, wer das Atemgerät bekommt.
Mit dieser konzentrierten gesellschaftlichen Meisterleistung der letzten Wochen können einige nicht leben. Sie wittern Verschwörungen, ziehen wütend vor Rathäuser, wissen alles besser als die anerkannten Virologen zusammen. Dass dazu auch Kardinäle gehören, ist mir vor nichtkatholischen Freunden schlicht peinlich.
Mich ärgert dabei nicht die freie Meinungsäußerung, das hält eine offene Gesellschaft aus. Mich ärgert die angriffslustige Lügenlust und besserwisserische Heuchelei, die das Klima vergiftet und wie das Corona-Virus um sich greift: rücksichtslos, rechthaberisch und destruktiv.
Keiner von denen hat im Krankenhaus mit Corona-Patienten gearbeitet, hat Menschen beim Sterben zusehen müssen. Da lässt es sich leicht davon reden, dass eine Grippe schlimmer sei und diffuse Mächte nach der Weltmacht greifen.

Prävention ist die Kunst, die Weichen schon zu stellen, wenn der Zug noch umgeleitet werden kann. In dieser Hinsicht haben Wissenschaftler und Politiker, die in unserem Land Entscheidungen fällen müssen, das meiste richtiggemacht. Wer sich jetzt aufregt, dass alles nicht so schlimm sei, sollte überlegen, warum es so ist. Vielleicht gerade deshalb, weil über Parteigrenzen hinaus bei uns Menschen in der Lage sind, in einer Ausnahmesituation schnelle Entscheidungen zu fällen, durchzusetzen und das Wohl aller über die Egoismen einzelner zu stellen. Unsere Kinder haben das begriffen und machen im „Schurlaub“ das Beste draus. Von den Kleinen kann mancher noch was lernen.
 
Guido Erbrich, Biederitz