05.03.2020

Anstoß 10/20

Das Vergessen ist das Schlimmste

„Während des vergangenen Winters sind ungefähr 50 Babys wegen schlechter Ernährung, fehlender Wasserversorgung und Kälte gestorben. Zum Teil in den Armen ihrer Mütter, auf der Flucht aus  Baghouz, zum Teil bei der Ankunft im Lager von Al-Ho.


‚Ich habe gesehen, wie einige Frauen aus dem Wagen ausstiegen, ihre Babys an sich drückten und nicht merkten, dass sie während der Fahrt schon gestorben waren‘, erzählt ein Zeuge. Leider geschieht das bis heute.“
Das sind Worte aus der Predigt vom letzten Sonntag, die der Apostolische Nuntius in Syrien, Kardinal Mario Zenari im Erfurter Dom gehalten hat. Mit einem festlichen Gottesdienst wurde die Misereor-Fastenaktion 2020 eröffnet. Sie richtet ihren Fokus in diesem Jahr auf den inzwischen neun Jahre dauernden Krieg in Syrien und die Auswirkungen auf das Nachbarland Libanon. Es ist das Land mit der größten Anzahl an Flüchtlingen pro Kopf weltweit.

Die Worte des Kardinals rufen Erinnerungen in mir wach. Erinnerungen an die Zeit vor 15 Jahren, als ich meinen neugeborenen Sohn im Arm hielt.  Meine Sorge um sein Wohlergehen. Kein Härchen sollte ihm gekrümmt werden. Es hätte mich wohl innerlich umgebracht, wenn er in meinen Armen gestorben wäre. Sein Kind in den Armen halten und ihm nichts zu essen oder trinken geben zu können, ist ein grausamer Gedanke. Bei den Flüchtlingen in Syrien und im Libanon (und nicht nur dort) ist er Realität. Heba Al Basha, die Landesdirektorin vom Flüchtlingsdienst der Jesuiten im Libanon, sagte uns in Erfurt:  „Ich kenne niemanden, der davon träumt, ein Flüchtling zu sein und sein Zuhause, seine Erinnerungen und manchmal seine Familie zurückzulassen. Wir aber träumen weiter, beten, hoffen und arbeiten für eine bessere Zukunft, in der Flüchtlinge sicher und freiwillig in ihre Heimatländer zurückkehren können. Unsere Türen sind weit geöffnet, solange Flüchtlinge in Not sind“. Dafür brauchen sie Hilfe, und zwar von denen, die sie geben können. Das betrifft auch mich. Das Schlimmste seien das Schweigen und das Vergessen, sagte Kardinal Zenari in Erfurt. Das Fastenaktionsmotto „Gib Frieden!“ meint: Verliere diese Menschen nicht aus dem Blick! Erhebe deine Stimme für sie! Teile mit ihnen was du hast!

Andrea Wilke, Erfurt