16.07.2020

Anstoß 29/20

Sternstunden

Ich erinnere mich noch gut an die Religiösen Kinderwochen (RKW), die ich als Schülerin besuchte. Für eine Woche der Sommerferien ging es jeden Morgen mit vielen anderen Kindern in den Pfarrsaal unserer Gemeinde (St. Antonius Babelsberg).


Ich habe noch den Geruch von damals in der Nase und das Bild der Tische vor Augen, an denen wir aßen, malten oder bastelten. Letzteres war schon deshalb reizvoll, weil es dort Bastelmaterialien aus dem Westen gab, viel bunter und schöner als das, was ein DDR-Schreibwarengeschäft hergab. Die religiöse Unterweisung war in tolle Themen verpackt, auch von denen ist mir noch manches in Erinnerung. Wir erlebten tolle Sachen im Park Babelsberg – kurz: es war einfach schön.
Gebetet wurde auch viel. RKW bedeutete auch geballte Ladung an „wir gehen jetzt in die Kirche“. Dort sangen wir dann unter anderem die neu gelernten RKW-Lieder. Eins davon ist mir diese Tage wieder eingefallen. „Ich habe Freude in meinem Herzen jede Stunde, jeden Tag. Freude, die die Welt nicht geben kann, Freude, die die Welt nicht nehmen kann. Ich habe Freude in meinem Herzen jede Stunde, jeden Tag.“ Das Wort Freude wurde in den kommenden Strophen ersetzt durch Hoffnung und Liebe. Während ich das Lied neulich wieder einmal vor mich her summte, kam mir die Frage, wie es um meine Freude steht. Vor allem um meine Freude am Glauben.
In meiner Erinnerung gibt es im Zusammenhang mit Gott und Glaube so manches Erlebnis, bei dem ich vor Glück hätte platzen können. Ja, da war dieses „nicht von dieser Welt sein“. Es sind diese „Sternstunden“, die auch meinen Glauben tragen, wenn er manchmal ins Wanken gerät, wenn mir Zweifel kommen. Sie wischen meine Zweifel zwar nicht einfach weg, aber helfen mir, sie auszuhalten.

Manchmal fühlt sich mein Glaubensleben wie eine Durststrecke an. Dann bin ich weit davon entfernt, in Jubel auszubrechen und im Brustton tiefster Überzeugung etwa die Worte zu beten, die im Psalm 84 stehen: „Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn“. Ich bete sie trotzdem. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein lebendiger Glaube nicht von den „Sternstunden“ abhängt, sondern von der Treue.
 
Andrea Wilke, Erfurt