06.09.2018

Anstoss 36/2018

Gespalten!?

Angesichts der Zerrissenheit in unserer Gesellschaft fragen nicht-kirchliche Personen, inwieweit Kirchen und Gemeinden einen größeren Beitrag zu Dialog und Versöhnung bieten könnten.


Doch leider erleben wir Streit und Zerrissenheit auch in der Christenheit. Die Zersplitterung der Konfessionen ist eindeutig gegen den Willen Jesu: „Alle sollen eins sein…“ (Joh 17,21). In der katholischen Kirche gibt es verstärkt Widerstände und Blockaden gegen Papst Franziskus bis hin zu Rücktrittsforderungen. Der unfassbare Missbrauchsskandal zeigt persönliche Verstrickungen und strukturelle Schuld bis zu Bischofskonferenzen und Vatikankreisen. Vor Ort sind die meisten Gemeinden wegen der Strukturreformen mit sich selber beschäftigt und oft überfordert. Beim Streit um die Sanierung der St. Hedwigs-Kathedrale staune ich über manche „un“-christlichen Lieblosigkeiten.
Mir hilft da der Blick in den 1. Korintherbrief. Da ist von Zank und Streit in Gemeinde die Rede. Da halten die einen zu Paulus, die anderen zu Apollos, die wieder anderen zu Kephas (Petrus). Paulus fragt: „Ist denn Christus zerteilt?“ Ja, er beklagt, dass er zu ihnen nicht wie zu Geisterfüllten reden kann. Paulus zeigt aber auch den Lösungsweg auf. Es geht um Jesus, um Gott, und es kommt darauf an, sich vom Heiligen Geist füllen zu lassen. Dann besingt Paulus das Hohe Lied der Liebe: Das sei der Weg, der alles übersteigt.
Das Hohe Lied ist die Kunst des stimmigen Tons. Streiten in der Sache ist okay, aber es kommt auf den richtigen Ton an. Der Ton macht bekanntlich die Musik. Ja, es gibt krasse Misstöne und Dissonanzen. Wir Christen brauchen Bereitschaft zu Umkehr und Erneuerung auf allen Ebenen. Auch hier zeigt uns die Bibel in einem Gebet Jesu den Weg: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt.“

In Jesus sein! In Gott sein. Wo sind wir bei den aktuellen Herausforderungen in der Kirche, in unseren Gemeinden, in unserer Gesellschaft? Wie oft geht es um die eigenen Befindlichkeiten, Vorteile, Sichtweisen? Wie schwer fällt es vielen, die Sichtweise der anderen zu verstehen? Wie spirituell schwer tun sich selbst Kirchenprofis, die Sichtweise Gottes zu suchen?! Aus Gottes Perspektive die Probleme betrachten zu lernen ändert alles. Wenn wir wirklich in Gott sind, bekommen wir eine völlig andere Wirkkraft, die des Heiligen Geistes. Erneuern wir uns im Heiligen Geist, der ja „die Liebe“ ist! Und das hat Auswirkungen in die Gesellschaft. Die Ausstrahlungskraft der frühen Kirche beschreibt Tertullian: „Seht, wie sie einander lieben“.
 
Lissy Eichert, Berlin