20.09.2018

Anstoss 38/2018

Anfangen

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Aus dem Chaos des Anfangs schafft Gott Himmel und Erde, wird aus dem Chaos Ordnung.


Ein wunderbarer Bericht, der am Anfang der Bibel steht, und der mich immer wieder, besonders beim Hören der Lesung in der Osternacht fasziniert. Die Beschreibung, die Joseph Haydn in seinem Oratorium „Die Schöpfung“ vertonte, ist ein  großartiges Werk für Chor, Orchester und Solisten. Am Anfang war sein Notenblatt leer, bis dann aus kleinen Anfängen und Ideen ein geistgewirktes Werk entsteht. Jeder Anfang ist schwer. Und erst wenn die ersten Noten auf dem Papier stehen oder die  ersten Pinselstriche des Malers gezeichnet sind oder die ersten Predigtgedanken Konturen annehmen, stellt sich Ruhe und Zufriedenheit ein.

Wir wissen, unser Leben besteht aus vielen Anfängen. Da ist der Schulanfang, der Beginn der Ausbildung, des Studiums oder der Anfang einer Umschulung. Für andere ist es der Anfang einer Liebe. Tatsache ist, es gibt viele schöne Anfänge, aber es gibt auch schwere und wehmütige Anfänge. So sind der Ruhestand und die Pensionierung nicht immer ein Anfang, in dem ein Zauber inneliegt. Oder erst Recht, wenn Krankheiten und Altersbeschwerden oft der Anfang vom Ende sind. Der Verlust und Tod eines lieben Menschen ist für die Zurückgebliebenen ein schwerer Abschied und ein schwerer Anfang, wo nichts mehr ist, wie es mal war. Und doch glaube ich und verkündige ich, dass auch der Tod nicht das Ende ist, sondern der Beginn und der Anfang eines neuen ewigen, Lebens ist. Und für mich ist es trostreich und ermutigend, dass Gott bei allen Anfängen da ist und da bleibt. Und dass dieser Gott mitgeht, durch alle Anfänge des Lebens. Anfänge sind dann für mich bildlich gesprochen, Stufen, die ich gehe, Räume, die ich durchschreite, Hürden, die ich nehme, wo ich  sichtbar und unsichtbar doch nicht allein bin. So darf ich mutig „Ja!“ sagen, zu allen Anfängen, den schönen, aber  auch zu den dunklen und schweren. In  dieser Erwartungshaltung ist auch Dietrich Bonhoeffer seinen Weg in den Tod gegangen und  schreibt: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei  uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
 
Dominikanerpater Josef kleine Bornhorst