14.11.2019

Anstoss 46/19

Jesu Ratschlag: Vom Balken und Splitter

Ratschläge sind auch Schläge, sagt ein Sprichwort. Wenn das stimmt, ist jeder Gang durch einen Buchladen schon fast eine Schlägerei. Überall liegen Ratgeber herum, die für jede Lebenslage einen klugen Ratschlag parat haben.


Eine junge Frau erzählte mir einmal, wie viele Ratgeber sie vor der Geburt ihres Sohnes gelesen hatte. Hinterher war sie total verunsichert und wusste gar nicht mehr, was richtig oder falsch ist.
Da ist dann guter Rat teuer. Auch so ein Sprichwort. Aber woran erkennt man einen guten Rat? Ich glaube, bei Jesus habe ich so einen Rat gefunden. Er hat einmal gesagt: „Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen“ (Matthäus 7,4-5).
Wir wissen einfach zu oft, was andere tun oder lassen oder wie andere Menschen sein sollten. Dem entgegnet Jesus: „Kehr erstmal vor der eigenen Haustür, bevor du bei anderen sauber machen willst.“
Ich denke an einen Radfahrer, dem ich vor ein paar Tagen begegnet bin. Wutentbrannt wies er mich zurecht, dass man in Deutschland rechts fährt. Das Ganze ging furchtbar schnell. Er tauchte aus dem Regengrau auf, schimpfte und war wieder verschwunden.
Der Mann hatte Recht. Ich war auf der falschen Seite unterwegs. Ich war zu faul, im Regen darauf zu warten, dass die Ampel umschaltet. Und weil ich sowieso noch in den Supermarkt wollte, bin ich einfach auf der linken Seite geblieben. Um ein Haar wären wir zusammengestoßen. Allerdings auch, weil er ohne Licht unterwegs war.
Es ist immer leichter, dem anderen seine Fehler vorzuhalten, als den Balken aus dem eigenen Auge zu ziehen. Trotzdem glaube ich, Jesus zeigt uns den richtigen Weg. Genau das sollten wir tun. Vielleicht hätten wir dann beide über unsere Fehler lachen können und gesagt: „Da haben wir ja noch mal Glück gehabt.“ Ich wäre auf die andere Seite gefahren. Er hätte zu Hause sein Licht repariert.

Alles was wir dafür brauchen, ist der Mut, uns einzugestehen, dass wir nicht unfehlbar sind. Das ist nicht wenig. Die christliche Tradition nennt das Demut. Ich glaube, auch dafür ist Jesus der richtige Weg.
 
Marko Dutzschke, Görlitz