24.01.2019

Anstoss 04/19

Zurück ins Leben

Das Telefon klingelte. Der Bauleiter des Bereiches Bau und Renovierung antwortete offensichtlich erfreut: „Guten Tag, Herr Birkel!“ Zeitgleich senkten sich die Blicke der umstehenden Kollegen und Kolleginnen.


Ein sanftes Stöhnen entglitt einigen: „O, nein!“ Es hatte in den letzten Tagen keinen Anruf von Herrn Birkel gegeben. Einfach mal Ruhe. Im Rahmen von Nachbarschaftshilfe wurde über mehrere Wochen die 45 Quadratmeter große Einraumwohnung frisch gestrichen. Es war die erste Sanierung, seit der über 60 Jahre junge Frührentner in dieser Wohnung lebt. Nach über 30 Jahren entsteht mit der Renovierung ein heller, freundlicher Lebensraum.
Während der Arbeiten hatte Herr Birkel mit Argusaugen die Fortschritte beobachtet. Es ging ihm alles zu langsam. Am Ende des Tages kam meist ein Anruf ins Büro. Dieses oder jenes entsprach nicht seinen Vorstellungen. Nichts, so schien es, konnte man ihm recht machen. Er nörgelte ständig. Doch der Bauleiter behandelte ihn mit großem Respekt, ja, liebevoll. „Er ist meine persönliche Baustelle!“, schmunzelte er. Um Ausgleich bemüht bat er die Teams, die Quengelei nicht persönlich zu nehmen. Herr Birkel war immerhin ein armer, bedürftiger Mann. Und einsam. Seit einer Woche waren die Arbeiten nun abgeschlossen. Dann rief er an. Alle befürchteten eine lange Beschwerdeliste. Doch es kam ganz anders. „Ich weiss gar nicht, wie ich euch danken soll. Ihr habt mich zurück ins Leben geholt.“ Als der Bauleiter den Dank an den Bautrupp weitergab, standen ihm Tränen in den Augen.
Herr Birkel ließ mitteilen, er habe bislang noch keine christliche Hilfe gesehen. Jetzt aber sei er aus seinem dunklen Loch herausgekommen. Er habe eine Woche gebraucht, sich an das Licht zu gewöhnen. Sprachlos. Ein neues Lebensgefühl. Es habe Zeit gebraucht, um den Mut zu finden, anzurufen.
Die Geschichte berührt uns immer wieder. Sie macht dankbar. Wer mehr vom Glauben verstehen will, kann nicht Zuschauer oder Zuhörerin bleiben. Die Männer und Frauen des Reno-Trupps sind unterschiedlicher Weltanschauung. Der Bauleiter selbst ist gläubig. Jesusnachfolge ist für ihn ganz praktisch. Es kommt auf die Tat an. Der erste Johannesbrief stimmt ihm zu: „Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ (1 Joh 4, 20b)

Lissy Eichert, Berlin