16.09.2021

Anstoß 37/21

Wir haben es schwer

Bald sind die Felder abgeerntet. Erntedank steht vor der Tür. Dann werden die Altäre in den Kirchen mit Erntegaben geschmückt. So wird etwas von dem Reichtum sichtbar, mit dem uns die Schöpfung umgibt.


Unterdessen werden Politiker wenige Tage vor der Wahl nicht müde, zu erklären, wie schlecht es uns geht, angefangen bei den Schulen bis hin zum Gesundheitssystem. Die einen beklagen den massiven Digitalisierungs- und Innovationsstau. Für die anderen waren die vergangenen 16 Jahre insgesamt eine Katastrophe. Uns geht es schlecht.
Ja, wir haben es schwer. Ob im Kindergarten, in der Schule, in der Mensa oder in der Kantine. Jeden Tag müssen wir wählen, was wir essen möchten. Wer den Kleiderschrank aufmacht, dem quellen Berge von Hosen, T-Shirts oder was auch immer entgegen. Wer soll da den Überblick behalten? Genauso geht es Kindern mit ihren Spielsachen und Erwachsenen mit ihren Dingen.
Wer mit der Schule fertig ist, muss sich entscheiden, ob er ins Ausland oder zur Bundeswehr geht, ein Studium anfängt, ein soziales Jahr oder eine Ausbildung macht. Genauso geht es denen, die ihren Abschluss in der Tasche haben. Die Liste der Möglichkeiten ist lang.
Wer in den Urlaub fahren möchte, muss sich trotz Corona immer noch entscheiden, in welche Richtung es gehen soll. Überall winken Traumreisen zu traumhaften Preisen.
Wer den Fernseher anmacht, braucht eine Fernsehzeitung für den Überblick. Und wer digital unterwegs ist, dem muss ein Assistent mit künstlicher Intelligenz helfen, sich durch den Dschungel der Möglichkeiten zu schlagen.
Wer zum Arzt geht und mit der Diagnose nicht einverstanden ist, muss sich eine zweite Meinung einholen. Und wer mit einem Rezept zur Apotheke geht, muss ein paar Stunden später noch einmal vorbeikommen, wenn das gewünschte Medikament gerade nicht vorrätig ist.
Und wer in Schwierigkeiten steckt, muss sich überlegen, ob er sich von der Caritas, der Diakonie, dem Roten Kreuz, dem Arbeiter-Samariter-Bund, den Maltesern oder wem auch immer helfen lassen will.

Ich kann nicht mehr. Wir haben es wirklich schwer. Ich glaube, dieses Jahr möchte ich zum Erntedankfest dafür danken, dass wir es so schwer haben.
 
Pfarrer Marko Dutzschke, Lübbenau