20.05.2021

Anstoß 20/21

Ein netter Mann

Vor einigen Jahren begegnete meine Mutter im Gottesdienst einem netten Mann. Er hatte sie, die aus dem Sauerland zu Besuch war, angesprochen und freundlich mit ihr geredet.


„Was macht er denn so?“, wollte sie nun wissen. „Er war Krankenpfleger, jetzt Rentner.“ „Verheiratet?“ „Ja.“ „Was macht seine Frau?“ O, Mama…! Ihre Neugier hatte uns schon als Kinder genervt. Ich beschloss, nicht drumrum zu reden. „Er ist mit einem Mann verheiratet.“ Das war ein Schock. Bis dahin hatte meine Mutter noch keinen Homosexuellen bewusst getroffen. Sie schwieg viele Stunden, musste diese Information verarbeiten.
Bei fast allen Schreiben, die wir als Erklärung für einen Kirchenaustritt erhalten, ist der offizielle kirchliche Umgang mit Homosexualität als ein Grund genannt. Er wird als krasse Diskriminierung empfunden. Immer noch gilt „schwul“ als geflügeltes Schimpfwort. Immer noch ist Demütigung bis hin zum offen ausgedrückten Hass gegenüber Homosexuellen Alltag, beispielsweise im Sport, bei der Bundeswehr, in der Schule. In vielen Gemeinden ist das Mitwirken von queeren Menschen Gemeindealltag. Doch in der offiziellen Kirche?
Im Lichte Gottes und der Glaubwürdigkeit den Menschen gegenüber müssen wir eigene Anteile ebenso wie systemische Verdrängung anschauen. Gezielt hinsehen auf Verfolgung und Diskriminierung in Geschichte und Gegenwart. Es geht dabei weniger um theologische und moralische Rechthaberei. Es geht um Menschenwürde. Um einen verantwortlichen Umgang mit der Sexualität sich selbst und anderen gegenüber. Wohlwissend, dass die tiefste Befreiung und Ganzwerdung nicht durch Sex geschieht – sondern durch die pfingstliche Geisterfüllung!
„Wir feiern nicht gegen Rom, sondern für die Menschen!“, so das Statement eines Gottesdienstteilnehmers. Die bundesweiten Segnungsgottesdienste vor zwei Wochen gaben Zeugnis für eine Gemeinde Jesu, in der die Buntheit und Vielfalt der Menschen willkommen sind. In der es um etwas Größeres geht: den neuen Menschen in Jesus Christus (vgl. Eph 4,24).

Meine Mutter fand ihr Gleichgewicht wieder, als es zu weiteren Begegnungen im Gottesdienst und nachher in der Gemeindeküche kam. Sie hatte Sympathie für den wirklich netten Mann. „Schwul ist cool“, lachte sie.
 
Lissy Eichert, Berlin