17.08.2018

Anstoss 33/2018

Hören, damit es stimmt

Spätestens wenn in der Urlaubszeit die Orgelbegleitung fehlt, wird in Gemeinden hörbar, was viele Chorsänger und –sängerinnen auf ihre Weise als Herausforderung kennen. Es ist nicht leicht, die Stimme zu halten.


Beim Chor fällt es aber schnell(er) auf, wenn eine Stimmgruppe absinkt. Beim Gemeindegesang gibt die Orgel Orientierung oder sie legt einen gnädigen Klangteppich darüber, wenn so manche Stimme anders einsetzt oder spätestens am Ende der ersten Strophe deutlich tiefer erklingt. Den gehörten Ton zu übernehmen und die Melodie in der richtigen Lage zu halten, ist nur scheinbar leicht. Für musikalische Ohren ist das schwer nachzufühlen, dafür klingelt es dann heftig in denselben.
Warum ist es schwierig, beim gemeinsamen Singen auch gemeinsam Stimme und Lage zu halten? Sicher hat es etwas mit Talent und dann auch deutlich mit Übung zu tun. Ich denke, dass es auch mit dem Hinhören- und Zuhören-können zusammenhängt: Höre ich nur auf mich oder auch auf die Stimmen neben mir? Höre ich die anderen Stimmen im Vergleich zu meiner eigenen? Nicht umsonst empfehlen Chorleiter beim Proben, auch mal bewusst leiser zu singen, so dass man unbedingt die Stimmen neben sich hört. Das macht es leichter, die Stimme zu halten.
Manchmal frage ich mich, ob andersherum unser ungewollt vielstimmiges Singen nicht auch widerspiegelt, wie schwer es uns fällt, wirklich hin- und zuzuhören? So vieles will gehört und sortiert werden. Wenn es schon von Mensch zu Mensch schwer ist, einander wirklich zu hören, wie erreicht uns Gottes leise Stimme, wo unser Glaube doch vom Hören kommt?  
Im alten Gotteslob fragte ein Lied: „Worauf sollen wir hören, sag uns worauf ...“ Auf Gottes Melodie, um sie aufzunehmen – wie Ignatius von Antiochien einst seine Gemeinde aufforderte – und die doch unter den vielen Stimmen oft nicht ohne weiteres herauszuhören ist.

Um unseren Ton in Gottes Konzert zu treffen, seine Melodie zu verfolgen und unsere Stimme zu halten, ist es sicher nicht die schlechteste Übung, gut aufeinander und bewusst(er) zuzuhören, auch über das Singen hinaus.

 
Angela Degenhardt, Sangerhausen