17.01.2019

Anstoss 03/19

Skurriles

Wenn einem etwas schräg oder verschoben vorkommt, kann man es skurril nennen. In diesem Sinn fand ich skurril, ausgerechnet in einem Schützenhaus dem heiligen Sebastian zu begegnen. Natürlich nicht ihm persönlich, sondern einem Bild, genauer gesagt einer Schützenscheibe von ihm.


Ich habe gelernt, dass der Heilige als Patron neben den Sterbenden auch für Schützengilden und Religionsfeinde zuständig ist. Was ich daran skurril finde? Sebastian wird meist an einen Baum gebunden und von Pfeilen durchbohrt dargestellt. Die Legende aus dem fünften Jahrhundert berichtet, dass der Offizier der kaiserlichen Garde auf Befehl Kaiser Diokletians von Pfeilen durchschossen wurde. Damit wollte ihn der Kaiser für sein Bekenntnis zum Christentum bestrafen. Weil er sich nach seiner Genesung auch weiterhin zum Glauben bekannte, wurde er am Ende mit Keulen erschlagen.
Dass Sterbende den Heiligen anrufen, kann ich gut verstehen. Wer so gelitten hat wie er, kann ein guter Verbündeter im Leiden sein. Was Schützen mit dem heiligen Sebastian wollen, leuchtet nicht so einfach ein.
Und doch macht gerade diese merkwürdige Verbindung Eindruck auf mich. Sie erinnert mich an den heiligen Stephanus, von dem die Apostelgeschichte berichtet, dass er gesteinigt wurde und sterbend für seine Peiniger gebetet hat (Apostelgeschichte 7,54ff.).
Was auf den ersten Blick nicht einleuchtet, ist eine Herausforderung, vor die Jesus Christus uns alle stellt. In seiner Bergpredigt fordert er: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet“ (Matthäusevangelium 5,44).
Es fällt mir leicht, für die zu beten, die mir lieb und teuer sind. Es fällt mir nicht schwer, für die zu beten, die leiden und auf Hilfe hoffen. Aber wann habe ich das letzte Mal für meine Feinde gebetet? Und Feinde haben wir alle. Es sind die Politiker, bei denen mir der Kragen platzt, wenn sie sich zu Wort melden. Es sind Kollegen, für die ich kein gutes Wort übrig habe. Es sind Nachbarn, mit denen ich auf Kriegsfuß stehe.

Ja, Christsein ist irgendwie schräg: Wir beten für die, die uns verfolgen. So gesehen ist der heilige Sebastian doch am richtigen Platz und ich habe noch einen weiten Weg vor mir, um Christ zu werden.
 
Pfarrer Marko Dutzschke, Cottbus