24.11.2022

Anstoß 47/22

Habt Mut!

Advent. Auf diese Zeit freue ich mich immer schon einige Wochen vorher – jedes Jahr. Nun ist es wieder soweit.


Der Advent rückt mir wie keine andere Zeit im Kirchenjahr das Erwarten Gottes ins Bewusstsein. Gott erwarten, das ist schön. In diesem Jahr treibt mich jedoch noch ein anderes Thema um. Es ist das Thema „Fürchten“. Eigentlich müsste es heißen „nicht fürchten“, aber ich erlebe in der Kirche das Gegenteil davon.
In der Bibel gibt es wohl keine Aufforderung, die häufiger vorkommt, als sich nicht zu fürchten. Ganz oft dann, wenn etwas Unglaubliches geschieht, das das Gewohnte und Erwartete sprengt. Der verheißene Messias kommt anders als erwartet auf die Erde und das erste, was die in der Nähe lagernden Hirten hören: Fürchtet euch nicht! Maria, die ihn zur Welt bringt, wird vom Engel aufgefordert, sich nicht zu fürchten, ehe er ihr verkündet, was Gott mit ihr vorhat. Auch Jesus gibt denen, die ihm folgten des Öfteren ein „Fürchtet euch nicht!“ mit auf den Weg.
Und heute? Heute erlebe ich in meiner Kirche mutige Menschen (mit und ohne Amt), die für die dringend notwendigen Veränderungen einstehen. Die Kirche ist nicht das Evangelium, sie ist immer auf dem Weg. Semper reformanda – immer muss sie sich erneuern. Sonst ist ihre Verkündigung hohl und für die Menschen wenig glaubwürdig.
In gleicher Weise erlebe ich in meiner Kirche Menschen (ebenfalls mit und ohne Amt), deren Haltung ich eher als Festhalten wahrnehme. Nichts soll sich verändern. Die Sorge, dass Veränderung gleich Verwässerung des Evangeliums bringt, ist groß. Am liebsten würde ich es herausschreien: Wovor habt ihr eigentlich Angst? Wo ist euer Vertrauen in Gott? Er ist doch da. Vielleicht werden Fehler gemacht, ja.
Ich vertraue Gott, dass er uns beisteht, den richtigen Weg zu gehen. Aber alles beim Alten belassen? Stehenbleiben bringt Verkümmern mit sich. Fürchtet euch nicht!
Jesus selbst hat es uns vorgelebt, hat es gewagt, menschlich gesetzte Grenzen zu überschreiten. Naja, könnte man meinen, er hatte ja Gott an seiner Seite. Wir doch auch!

Und während ich das hier so schreibe, kommt mir der Gedanke, dass das „Fürchtet euch nicht“ auch heißt: Habt Mut!
 
Andrea Wilke, Erfurt