25.06.2020

Anstoß 26/20

Marx und die Freiheit

Neulich war ich in Chemnitz. Dort bekam ich drei Flaschen „Marx-Bier“ geschenkt. Da wusste ich, die Chemnitzer haben Humor. Wieder zu Hause angekommen, lag ein frisches Buch im Briefkasten. „Freiheit“ von Marx, aber nicht von Karl, sondern von Reinhard Marx, Kardinal und Erzbischof in München.


Das Buch geht schnurstracks mit der Frage los: Können wir eigentlich mit dem Begriff „Freiheit“ wirklich etwas anfangen? Allzu oft verbinden wir dieses Wort mit Freizeit, mit Urlaub, mit all den schönen Dingen, die, wenn man der Werbung glaubt, das Leben erst so richtig lebenswert machen. Auch das Internet mit seinem schier unendlichen Raum verheißt grenzenlose Freiheit. Aber ist damit „Freiheit“ wirklich erklärt? Hier setzt Marx an: „Denken wir Freiheit vielleicht zu klein?“ Und er beginnt auf erfreulich verständliche Weise über das Wort Freiheit zu schreiben.
Für uns Christen ist das durchaus aktivierend: „Wenn man einem Christen begegnet, sollte man den Eindruck haben: Sieh an, ein freier Mensch.“ Da, so muss man ehrlich sagen, ist noch ganz schön Luft nach oben.
Kardinal Marx weiß natürlich, das die Kirche keineswegs immer auf der Seite der Freiheit gestanden hat. Dann geht er ans Eingemachte: In wie vielen Predigten musste er sich anhören, dass Freiheit etwas Gefährliches und Suspektes ist. Und er schaut auf manche Diskussionen unserer Tage, die ihm zeige, dass die Freiheit, wie wir sie in unserer Gesellschaft kennen, in Gefahr ist. Ja, es gebe eine regelrechte Furcht vor der Freiheit, die sich frei nennt und doch nur kleingläubige Ideologie sei.
Marx setzt das Modell der verantwortlichen Freiheit dagegen. Freiheit ist nicht Beliebigkeit, Freiheit dient allen Menschen, nicht nur einer Gruppe von wenigen. Erst eine Gesellschaft, die es schafft, die ganze Menschheitsfamilie in den Blick zu nehmen, die bereit ist, Brücken zu bauen, zu teilen und nicht auf Kosten zukünftiger Generationen lebt, darf sich wirklich frei nennen.

Der Kardinal nimmt nicht nur allgemein die Gesellschaft, die Parteien und die Kirchen in die Pflicht. Freiheit ist eine Aufgabe für jede und jeden von uns. Als Theologe fügt er als Wichtigstes hinzu: „Gott wohnt in der Freiheit.“ Wer ihn woanders sucht, oder seine Welt so gestaltet, dass Gott keine Wohnung mehr hat, wird ihn nicht finden.
 
Guido Erbrich, Biederitz