28.05.2020

Anstoß 22/20

Sind Feuerzungen ansteckend?

Auf vielen Pfingstbildern sind über den Köpfen der Jüngerinnen und Jünger Feuerzungen zu sehen. Ein Symbol für Heilige Geistkraft, die in Herzen, Gedanken und den ganzen Körper fließt.


Wenn in der Apostelgeschichte der Heilige Geist auf Menschen kam, passierte etwas. Sie fingen an, in anderen Sprachen zu reden und zu weissagen. Es geschahen Heilungen und Wunder. Da ist von Visionen und Verzückungen die Rede.
Von dieser Begeisterung der Jesus-Freunde ließen sich damals in Jerusalem viele Menschen anstecken: Exponentielles Wachstum von 120 auf 3000 Jünger allein am Pfingsttag! Beeindruckend nachzulesen, wie der Jesus-Virus sich pandemisch ausbreitete. Alle Schutzmaßnahmen von Verfolgung konnten das nicht verhindern.
Die Apostelgeschichte führt mir drastisch den Unterschied zwischen den ersten Christen und uns heute vor Augen. Statt zu wachsen stagnieren oder schrumpfen wir meist. Der Heilige Geist will die Apostelgeschichte heute mit uns fortschreiben! Wer ist durch mich in letzter Zeit mit Jesus Christus in Kontakt gekommen? Wie hoch ist da unser R-Faktor? In einem alten Songtext, den wir als Kinder im Schulgottesdienst geschmettert haben, heißt es: „Einer hat uns angesteckt, mit der Flamme der Liebe.“ Kann es sein, dass Jesus nicht mehr so lebendig in uns ist und wir daher kaum ansteckend sind? Kann es sein, dass unsere Gemeinden sich in freiwillige Quarantäne anstatt mitten unter die Menschen begeben? Dass auch Hauptamtliche in der Kirche eine Herden-Immunität haben, weil wir gern unter uns bleiben? Und in der Welt tragen wir Schutzmasken, um nicht als Jesus-Fans enttarnt zu werden? Wie kommen wir zu neuen Feuerzungen?!

„Kirche trotz Corona: So kann man weiter am Glaubensleben teilnehmen“. Auf der Internetseite des Erzbistums Berlin finde ich eine höchst interessante Sammlung geistlicher Impulse, digitaler Solidaritätsaktionen, Segens-Podcasts, Gebets-Apps, Hauskirchenformate … Herrliche Vielfalt! Wie oft habe ich in den letzten Wochen Menschen getroffen, die einen Podcast, Fernsehgottesdienst oder Radiobeitrag digital mitgefeiert haben – und sich so verbunden fühlen. Die Botschaft erreicht auch Leute, die gar nicht in die Kirche kommen. Springen da neue Feuerzungen über? Nichts ersetzt die analoge Gottesdienstgemeinschaft, nichts die „Life“-Begegnung. Die Vorfreude auf das Ende der Abstands-Umarmung wird größer. Ebenso die Zuversicht, wo wir Gottes Geist wirken lassen, da kann Neues wachsen.
 
Lissy Eichert, Berlin