07.03.2019

Anstoss 10/19

Ohne Sport

„Heidelbeeren, Kurkuma, Ingwer und Grüner Tee. Damit bleibst du gesund.“ Bernd erstaunte uns mit diesem Geheimtipp, als wir am Ende eines Begegnungsnachmittages zusammensaßen.


Einmal im Monat findet ein Café für Arme und Obdachlose in der Gemeinde statt. Bernd lebte vor Jahren selbst auf der Straße und hilft heute regelmäßig beim Aufräumen. „Und jeden Morgen einen Löffel Honig mit Zimt. Den nur mit einem Schluck Wasser nehmen. Einfach nur Wasser.“ Bernd strich sich liebevoll über seinen Bauch, lächelte und meinte: „Damit kannste abnehmen – ganz ohne Sport!“ Ganz ohne Sport abnehmen zu können, erheiterte uns.
Die Sache mit dem Abnehmen ist immer wieder ein Thema, besonders am Beginn der Fastenzeit. Wie schnell scheitere ich mit Selbstdisziplin und Vorsätzen! Da trösten mich die Worte der Propheten. „Liebe will ich,“, so spricht Gott durch den Propheten Hosea, „nicht Schlachtopfer; Gotteserkenntnis will ich, nicht Brandopfer“ (vgl. Hos 6,6). Gott ist eine Liebende. Kein Verzicht auf leckeres Essen, keine Super Food Liste oder eine App, die meinen Sport überwacht, kann einen liebenden Gott beeindrucken.
Schon vor 3000 Jahren haben die Menschen nicht verstanden, worum es beim Fasten geht. Der Prophet Jesaja kritisiert: „Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und alle eure Arbeiter treibt ihr an. Fasten, das Gott gefällt, bedeutet die Fesseln des Unrechts zu lösen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, einen Nackten zu bekleiden.“ Das Volk Gottes benahm sich damals schon wie eine störrische Kuh (Hos 3,16). Sie wollten nicht hören, was Gott wirklich wichtig ist. Wahrscheinlich würde Jesaja aktuell auf dem Internationalen Frauentag auftreten. Gerade ist in Berlin der 8. März als Feiertag eingeführt. Menschen gehen lange schon für das Recht auf Teilhabe und gerechte Löhne auf die Straße. Gegen Ausbeutung und Unterbezahlung von Frauen. Ein Fasten, das Gott gefallen könnte.
Bernd fastet jeden ersten Sonntag im Monat, wenn er sich beim Begegnungsnachmittag engagiert. Er fastet – ohne es zu wissen. Wahrscheinlich wäre er erstaunt, dass Fasten so viel Freude bringen kann und dankbar macht. Ohne Sport!

Lissy Eichert, Berlin