26.09.2018

Anstoss 39/2018

Völkerwanderung

Einen Fuß vor den anderen. Sprachengewirr. Mit der Zeit erkenne ich Gesichter wieder, fange Worte auf. Eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter aus Österreich. Ein junger Mann und seine Mutter, etwa in meinem Tempo, die englisch sprechen.


Ein Paar mittleren Alters gerät an seine Leistungsgrenze und hilft einander durchzuhalten. Eine französische Schulklasse lasse ich erleichtert hinter mir und freue mich, als es leiser wird. Bei der nächsten Pause werden sie mich wieder einholen.
Eine bunte Menge. Manche begegnen mir öfter. Je nach Pausenrhythmus überholen wir einander und lassen uns wieder zurück, tauschen einen Blick, ein Lächeln, ein Wort. Eine kleine Weggemeinschaft, die sich am Ziel wieder verliert. Aber wir haben es geschafft, an einem heißen Tag auf den, mit 1345 Metern höchsten Berg Schottlands, zu steigen.
Eine kleine Völkerwanderung: Jung und Alt aus verschiedenen Ländern sind unterwegs. Manche ausgerüstet, manche mit sehr leichtem Gepäck. Aber alle wollen auf diesem Berg gewesen sein. Es ist anstrengend, weil es 17 Kilometer pausenlos bergauf geht, wie beim Treppen steigen. Ansonsten ist es ein Weg für nahezu jedermann. Man braucht kein Seil, muss nicht klettern, sondern nur beharrlich weitergehen. Ein erreichbares Ziel, wenn das Wetter passt und kein Risiko besteht, im Nebel an die steilen Abhänge zu geraten. Meine Sorge, mich einsam auf einem unbekannten Weg wiederzufinden, war jedenfalls für diesen Tag unbegründet.
Völkerwanderung – von den Enden der Erde kommen die Völker zum Zionsberg. Sie erheben nicht mehr das Schwert gegeneinander, sondern Frieden breitet sich aus. Gemeinschaft wächst, obwohl man einander nicht ausgesucht hat. Wir gehen miteinander, passen uns an im Menschenstrom. Ein schönes Bild, nicht mit dem Alltag vergleichbar. Trotzdem erinnert der Anstieg daran, dass es kein Spaziergang ist, sondern Mühe und Herausforderung.

Ob wir es schaffen werden in Europa, unsere Herausforderungen zu bewältigen, in einem respektvollen Miteinander? Überwältigende Ausblicke stimmen mich zuversichtlich. Vielleicht brauchen wir das öfter, die Perspektiven zu wechseln, einen Überblick zu bekommen und zu erleben, viele teilen diese Sicht mit mir. Die neue Sicht schenkt uns Gottes Geist.
 
Angela Degenhardt, Sangerhausen