11.05.2021

Anstoß 18/21

Lachen als Lebensweise

Es war einmal eine glückliche Frau. Jeden Morgen kam sie aus dem Haus, fiel auf dem Rasen zwischen den Blumen auf die Knie und betete: „Halleluja, ich preise deinen Namen, Gott. Habe Dank für diesen Tag!“


Tag für Tag sah ihr Nachbar zu und dachte: „So ganz dicht ist sie nicht, wahrscheinlich hat sie ein kleines Rad ab.“
Eines Morgens, es war ein grauer Tag, ein Wetter, bei dem man keinen Hund auf die Straße jagen würde. Gespannt schaute der Nachbar aus seinem Fenster. Ob die Verrückte heute drinnen bleibt? Von wegen, die Tür öffnete sich, wie jeden Tag, die glückliche Frau tritt heraus,  hebt ihre Arme und ruft laut gegen den Sturm in den Himmel hinein: „Halleluja! Ich preise dich und deinen heiligen Namen. Und ganz ehrlich, ich danke dir, dass nicht jeden Tag so ein Scheißwetter ist wie heute!“
„Glücklich sein ist kein Zustand, sondern eine Fähigkeit“, so formulierte diese wetterresistente Weltherangehensweise der Bildhauer Ernst Barlach. Bis 1933 als Künstler anerkannt, galt seine Kunst den Nazis als entartet. Trotzdem schien er kein unglücklicher Mensch zu sein. Dabei blendete er auch in seinen Kunstwerken Elend und Not nicht aus.
Wenn glücklich sein aber kein Zustand ist, der mal so mir nichts dir nichts vorbeikommt, sondern eine Fähigkeit, dann liegt es vor allem an mir und nicht an den Umständen, ob ich ein glücklicher Mensch bin.
Das ist zugegebenermaßen ziemlich provokant, denn natürlich gibt es viele Umstände, die einem das Glücklichsein schwer bis unmöglich sein lassen. Aber oft bauen sich Frust und Ärger schon dort auf, wo es gar nicht sein müsste. Denn auch Ärger ist mehr als ein Zustand, sondern ebenso eine Fähigkeit, eine Haltung, mit der ich durch Leben frusten kann.
Das Gegenprogramm von Ernst Barlach und der allwetterdankenden Frau ist herausfordernd: Selbst immer wieder das Gute und Gelingende trotz Unvollkommenem und Frustrierendem nicht aus dem Blick zu verlieren. Auf jeden Fall hilft es, die dunklen Momente des Lebens besser zu durchstehen, als vorwiegend im Ärgermodus zu verharren.

Übrigens sind Menschen, die häufig lachen und dankbar sind, nicht nur glücklicher, sondern werden im Schnitt auch deutlich älter. Gott sei Dank.
 
Guido Erbrich, Biederitz