23.04.2020

Anstoß 17/20

Der Schrift vertrauen

Es ist schon viele Jahre her, genau genommen 38, aber jetzt erinnere ich mich wieder daran. Es hängt mit dem Sonntagsevangelium zusammen, in dem vom Netzeauswerfen die Rede ist, nachdem die Jünger Jesu die ganze Nacht keinen einzigen Fisch gefangen hatten.


Gegen alle menschliche Vernunft folgen sie dem, was Jesus ihnen am Morgen aufträgt: Werft die Netze aus.
Das Ereignis, von dem ich erzählen will, passierte in der Zeit, als wir in der Pfarrjugend jeden Monat ein Wort aus der Bibel hatten, das wir besonders beachten wollten. „Wort des Lebens“ nannte es sich. Ich war in der besagten Zeit noch in der Ausbildung und im Rahmen derselben hatte ich ein mehrwöchiges Praktikum in einer Kinderarztpraxis zu absolvieren. Ich sollte dies in einer ganz tollen Einrichtung tun, von der alle schwärmten. Als ich dort mein Praktikum antreten sollte, folge das Desaster. Irrtümlicherweise hatte an meiner Stelle bereits eine andere Kommilitonin ihren Dienst angetreten. Sie sollte eigentlich in eine Kinderarztpraxis, in die niemand freiwillig ging. Die Kinderärztin dort hatte den Ruf des sprichwörtlichen Drachens. Darauf hatte ich gar keine Lust und ehrlich gesagt, hatte ich auch jede Menge Angst. Ich beschloss, um „meinen“ Platz zu kämpfen, als mir dieses „Wort des Lebens“ wieder einfiel. „Auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen“, lautete es damals. Es war nicht so, dass ich gleich zugestimmt hätte; ich musste mit mir ringen und dann der Entschluss, dem Wort zu vertrauen. Es wird schon alles gut werden.

Naja, es gab zwar ein Happy End, aber dorthin war es ein harter Weg. Die Kinderärztin machte ihrem Ruf alle Ehre, die Arzthelferinnen „standen stramm“. Doch bei all ihren Anforderungen, die einem als Praktikantin schier unmöglich zu erfüllen schienen, zeigte sich, dass sie ein großes Herz für ihre kleinen Patienten hatte. In manchem Nebensatz von ihr zeigte sich eine Frau mit butterweichem Kern. Ich habe so manches von ihr einstecken müssen, aber ich habe auch viel von ihr gelernt. Am Ende des Praktikums überreichte sie mir eine sehr gute Bewertung. Ich jubelte innerlich. Nicht nur wegen der tollen Bewertung, sondern weil es sich gelohnt hatte, auf das Schriftwort, das heißt eigentlich auf Gott, zu vertrauen. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.
 
Andrea Wilke, Erfurt