05.11.2020

Anstoß 45/20

Abrüsten war gestern

Leergefegte Regale in den Supermärkten. Solche Bilder gab es in den ersten Monaten der Pandemie. Viele Menschen meinten, man könne sich auf diese Weise gegen die vermeintliche Krise rüsten.


Aber gerade so haben sie das System an den Rand einer Krise gebracht. Vor ein paar Tagen fand ich wieder so ein Bild. Ein Bekannter hat es auf Instagram mit dem Hinweis gepostet: „Es geht schon wieder los.“
Anderswo heißt es, man müsse sich gegen illegale Einwanderung rüsten. Dafür kämpft der amerikanische Präsident für eine Mauer zwischen den USA und Mexiko und dafür, dass jeder Amerikaner das Recht behält, sich bis an die Zähne zu bewaffnen. Dafür werden in Europa private Unternehmen mit nahezu unbeschränkten Möglichkeiten ausgerüstet.
Seit Monaten rüsten wir uns mit Hygienemaßnahmen, Abstandsregeln und Masken gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Weil das offenbar nicht reicht, haben die Regierungen nachgelegt und weiter aufgerüstet.
Vor ein paar Tagen haben wir im Gottesdienst den Brief an die Epheser gelesen. Darin werden die Christen in Kleinasien aufgerufen, sich für den Kampf gegen das Böse zu rüsten. Der Autor empfiehlt, die Rüstung Gottes anzulegen. Als Waffen stehen der Gürtel der Wahrheit, der Panzer der Gerechtigkeit, die Schuhe der Bereitschaft, für den Frieden Christi zu kämpfen und das Schild des Glaubens zur Verfügung. (Epheser 6,10-20)
Ich höre die alten Worte ein paar Tage vor dem 9. November. Fast auf den Tag genau vor 82 Jahren brannten in Berlin und anderswo die Synagogen. Ich glaube, unsere Geschichte hätte anders ausgesehen, wenn der Vorschlag aus dem Epheserbrief auf fruchtbaren Boden gefallen wäre.
Das gilt auch heute. Die Waffen, die im Epheserbrief aufgezählt werden, sind geeignet, sich gegen eine Welt zu rüsten, in der die Krise zum Dauerzustand wird. Sie helfen in einer Welt, in der Unsicherheit und Panik den gesunden Menschenverstand bedrohen.

Der Vorschlag ist gut. Mal sehen, was sich in den kommenden Monaten daraus machen lässt.
 
Pfarrer Marko Dutzschke, Bistum Görlitz