03.09.2021

Anstoß 33/21

Die Einteilung in Gute und in Schlechte

Es gibt wohl kaum ein Thema, das derzeit so sehr in aller Munde ist, wie das Impfen. Ich habe lange überlegt, ob es nottut, dass es auch hier in dieser Rubrik seinen Platz findet.


Ich kam zu dem Schluss, dass es Fragen anstößt, in denen es nicht mehr nur um das Impfen geht. Es geht mir dabei nicht um das Für und Wider des Impfens, sondern vielmehr um die Art und Weise des Umgangs miteinander in dieser Sache.
Viele Menschen haben sich impfen lassen und viele wollen es noch tun. Sie haben für sich persönlich die Entscheidung getroffen, aus verschiedenen Gründen. Das ist gut. Dann gibt es die totalen Verweigerer, mit bedauerlicherweise kruden Verschwörungstheorien, die all jenen schaden, die tatsächlich gute Gründe haben, sich nicht impfen zu lassen. Für Geimpfte sind diese Gründe nicht in jedem Fall nachvollziehbar, und sie bringen es auch nicht fertig (oder sagen wir mal besser, mehrheitlich bringen sie es nicht fertig), die persönliche Entscheidung der Betroffenen einfach mal so stehen zu lassen, sie zu akzeptieren. Ohne die Notwendigkeit Corona bekämpfender Maßnahmen schmälern zu wollen, finde ich das bedenklich. Denn die genannte Personengruppe hat, jedenfalls erlebe ich das so, ihren Platz gefunden beziehungsweise zugewiesen bekommen in der Schublade „egoistisch-unsolidarisch-unvernünftig“. Wenn in der Argumentation für die Impfung dann sogar die „moralische Pflicht“ und die „Nächstenliebe“ herhalten müssen, finde ich das traurig.

Das Thema Impfen ist ein Beispiel für das Schubladendenken, das meiner Wahrnehmung nach immer stärker wird. Die Einteilung in Gute und Schlechte grassiert. Selbst unter uns christlichen Brüdern und Schwestern, die wir doch eigentlich  ein  Leib sind. Warum ist es so schwer, sich wohlwollend mit den unterschiedlichen Positionen auseinanderzusetzen, sie auszuhalten – im Vertrauen darauf, dass Gott uns dabei nicht im Stich lässt. Warum wird jeder, der nicht so tickt wie alle anderen bzw. wie die, die sich lauthals das Sagen verschafft haben, schnell als Gegner angesehen? Einheit bedeutet nicht Gleichschritt. Sie bewährt sich in der Vielfalt.
 
Andrea Wilke, Erfurt