26.03.2020

Anstoß 13/20

Vor ein paar Jahren in New Orleans …

Sonntagabend treffen sich in New Orleans die schwarzen Pfarrer. Um zu quatschen, Musik zu hören und dabei auch über „die Weißen“ her zu ziehen.


Nachdem ich mir das eine Weile angehört hatte, traute ich mich leise zu fragen, ob es nicht auch Rassismus ist, wenn wir „Weißen“ immer so schlecht wegkommen. „Du bist doch kein Weißer, du bist Deutscher“ war die verblüffende Antwort. Ich muss ziemlich bedeppert geschaut haben, jedenfalls lachte die ganze Bande und machte mir klar, dass sie mit „Weißen“ natürlich überhaupt nicht jeden weißen Menschen meinen, da gibt’s schließlich jede Menge passable drunter, sondern einen ganz bestimmten Typus. „Weißer“ ist jemand, der besser weiß als alle anderen, was für Schwarze gut ist, der sich für klüger hält und allen Ernstes glaubt, Kultur für die armen Schwarzen zu bringen und alles mit seinen herausragenden Fähigkeiten positiv zu prägen.
Diese Antwort führte mich schnurstracks zurück nach Deutschland. Der im Osten leider immer noch gebräuchliche Begriff „Wessi“ hat eine ähnliche Bedeutungsfülle. Viele Menschen, die in den letzten Jahrzehnten aus dem Westen Deutschlands in den Osten gezogen sind, leben hier als gute Freunde und Nachbarn und keiner käme auf die Idee, sie im Ernst als „Wessi“ zu bezeichnen. Sie sind genauso normal oder unnormal wie die meisten, die in diesen Breiten aufgewachsen sind. „Wessis“ dagegen, werden diejenigen genannt, die alles viel besser wissen, die aufgrund ihrer übergroßen Erfahrung, den ihrer Meinung nach gepamperten Osten umerziehen wollen und die selbstverständlich als einzige in der Lage sind zu wissen, was zu tun sei. Das können sie übrigens meist sehr überzeugend, und mitunter dauerte es eine Weile zu merken, dass der Kaiser keine glänzenden Kleider trägt, sondern nackt ist.
Dummerweise kommen solche Typen doch nicht nur aus dem Westen. Es gibt sie natürlich auch ostwärts. Ein guter Grund also, uns endlich von dem Begriff „Wessi“ zu verabschieden, der so viele verletzt, die ihn einfach nicht verdient haben. Machen wir damit deutlich, dass es nicht um Wessis oder Ossis geht, sondern schlicht um Besserwisser.

Guido Erbrich, Biederitz